Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 147 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126553--1788-3128614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o 147 Claude G. Montrfiore: Auszüge aus der Bibel für's Haus und über das Güte die erhabenen Worte, welche wir in der Bibel lesen. Laßt Mich dies etwas deutlicher erklären, wenn es keinen Gott gäbe, könnten wir nichts von ihm wissen. Ohne Gott wäre der Begriff des Guten überhaupt nicht in der Welt. .Ich halte diesen Ausspruch für den weisesten der Welt, in welchem uns die wichtigste Wahrheit gesagt wird. wenn ich mich nun auch so ausdrücke, Gott hat es ihnen Mitgeteilt, so meine ich uicht, daß es ebenso dabei zugegangen ist, als wenn ich euch -von irgend einem seltsamen Gegenstand, von dem ihr nie gehört habt, erzähle. Gott teilte weder jenen, noch uns Dinge auf solche weise mit. Gr. gießt nicht Erkenntnis in uns, wie wir Wasser in eine leere Flasche gießen. Gr hat die Gabe, ihn zu erkennen und den Wunsch gut zu sein, in uns gelegt, und wenn wir diese Gabe recht anwenden, dann hilft er uns, -gut zu werden und ihn zu lieben; denn Gott erkennen und Gott lieben gehört zusammen. Aber außer dem Beistand, den er jedem Menschen leistet, erwählte er die Juden, oder vielmehr die weisesten und besten Männer unter ihnen, 'diejenigen, die die Bibel schrieben, zu dem edelen Zwecke, sie als Verkünder seines Willens an andere Nationen und Völker in die Welt zu senden. wie er ihnen seinen Willen kundgetan hat, kann ich euch nicht genau sagen, aber daß er es getan, daß er sie durch bestimmte und besondere Hinweise auf sich und seinen Dienst auszeichnete, das ist eine historische Tatsache, die jedermann bestätigen muß. wir werden bald durch verschiedene Erzählungen aus der Bibel selbst erfahren, wie Gott zu den Juden von sich selbst und über seinen Dienst, über Gerechtigkeit und Gnade gesprochen hat, aber das -wichtigste ist wohl nicht eigentlich, wie die Juden es erfahren, denn dies konnten ihre größten Gelehrten sich selbst kaum deutlich erklären, sondern daß ihnen diese höhere und bessere Erkenntnis Gottes und des Guten wurde, und durch sie auch der größte Teil der Welt. Gott hat sie aber auch seinen ganz eigentümlichen weg geführt und sie dahin geleitet, daß sie allmählich mehr und mehr Gott und das Gute erkennen mußten. Durch ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Leben gelangten sie zu dieser Erkenntnis. Die Vergangenheit erschien ihnen voll von religiöser Belehrung. Und dies veranlaßte sie, ihre Geschichte niederzuschreiben. Aus der wunderbaren Rette ihrer eigenartigen Erlebnisse schlossen sie, daß ein Gott über ihnen wacht und daß seine Liebe sie beschirmt. Lsaben wir nicht oft etwas von der Vergangenheit gelernt? wir sagen doch oft zu uns selbst: wenn ich dies oder jenes nicht getan, oder dies und jenes getan hätte, wieviel besser wäre es! Auf diese weise lernen wir von unsern Irrtümern und handeln vielleicht in Zukunft Weiser. Dies ist eine Art, wie wir von der Vergangenheit lernen, es kann aber auch auf andre weise geschehen. Zuweilen lernen wir durch unsere Fehler, indem wir sie in Zukunft vermeiden, zuweilen durch eine gute Tat von andern oder uns selbst ausgeführt, zuweilen durch eine freudige oder traurige Begebenheit, die wir erlebt. All diese und andere Fälle können uns für die Zukunft über das, was gut ist belehren und uns auf die Vorsehung Gottes und das walten seiner Liebe aufmerksam machen. So lernten also auch die Juden das Beste, das sie!der Menschheit zu bieten hatten aus ihrer Geschichte, aus ihrem eigenen Leben. Man darf aber aus dem Gesagten nicht etwa den Schluß ziehen, daß die Juden allmählich in allen Dingen zu großer Vollkommenheit heranreiften. Im Gegenteil. Auch sie irrten wie alle Menschen gar sehr. Wahrheit und Irrtum, Liebe und Ls aß lagen häufig nahe