Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Rundschau — Elberfeld, Frankfurt a. M. stimmter Menschen der Gegenwart, die ihre Persönlichkeitsreligion der Gemeinschaftsreligion nicht einfügen wollen: sie unterschätzen die geschichtlichen Mächte der Tradition und. der Entwickelung, denen niemand sich zu entziehen vermag, ohne sich selbst zu entwurzeln. Wie sind denn die Gemeinschaftsreligionen entstanden? Doch nur aus der persönlichkeitsreligion der vielen einzelnen innerhalb der Gemeinschaft. Jedes Glied des Volkes hat unbewußt an der Bildung des traditionellen Bekenntnisses mitgearbeitet und selbst von diesem wieder religiöse Werte empfangen. Und dieser Prozeß der stetigen Entwicklung dauert in der Gegenwart uoch fort. Es ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Das gilt für' alle geschichtlichen Religionen; das gilt insbesondere auch für das Judentum. . Auch das Judentum unserer Zeit hat die Aufgabe, das überlieferte religiöse Gut der Gemeinschaft und die persönlichkeitsreligion des einzelnen im Geiste der Zeit auszugleichen und zu versöhnen. Zeder religiös veranlagte, freigesinnte, moderne Jude, der an dieser A u f g a b e nicht m i t a r b e i t e t, sondern sich a u f s e i n e persönlichk e i t s r e l i g i o n z u r ückzieht, st ä r k t durch seine Massivität das. mora - l i s ch e Recht der Orthodoxie, ihre religiösen Anschauungen als die allein m a ß g e b e n d e n i n n e r h a l b der G e m e i n s ch a f t d u r ch z u s e tz e n. Wir Juden sprechen so viel von unserer Mission nach außen. Mission nach außen aber hat nur Sinn, wenn ihr die i n n e r e Mission vorausgegangen ist. Wir freisinnigen, m o d e r n e n Juden müssen als religiöse Menschen wieder jüdischer werden. Wir sind zu sehr Abwehrjuden geworden, nichtsals Abwehrjuden; wir haben das Iudentum zu ausschließlich ins politische übersetzt, und der religiöse Gedanke wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt. Abwehr muß sein, aber das Judentum darf sich nicht in der Abwehr erschöpfen. E in Stolz auf das Judentum, dem das religiöse Int eressiertsein fehlt, ist Schlagwort und Phrase ohne Inhalt, oder es ist nationaler Stolz. Judentum soll Religion und nur Religion sein. Religion aber verlangt Betätigung. W i r m ü s s e n u n s a l s religiöse Inden betätigen, oder wir sind keine Juden m e h r. Reformen haben nur dann Bestand, wenn sie von innen heraus wachsen, wenn der freie Geist der Gesamtheit sie hält und trägt. Freier Geist und religiöses Interesse müssen sich verbinden, uni Persönlichkeitsreligion und Gemeinschaftsbekenntnis im Geiste der modernen Zeit auszugleichen und zu versöhnen. Nur unter dieser Voraussetzung kann das Judentum seine Mission in der Welt erfüllen. Der Vortrag wurde sehr beifällig von den Besuchern der Versammlung ausgenommen (es waren wohl 250 Damen und Herren anwesend). Als eine Folge des Vortrages konnten wir auch wieder eine Anzahl Beitrittserklärungen zu unserer Ortsgruppe entgegennehmen. Frankfurt a. M. Der freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben veranstaltete im Februar und März zwei gut besuchte Vortragsabende; auf dem ersten führte Herr- Professor Dr. Gräfenberg in Wort und durch eindrucksvolle Lichtbilder. Bilder aus der einstigen spanischen Heimat der Juden vor; auf dem letzteren referierte Herr Rabbiner Dr. Seligmann über „Iudentunr in Amerika". Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber, Frankfurt a. M.. Bieber-Gasse 6.