Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau — Elberfeld 91 Dr. Guttinann und Rabbiner Dr. Rosenthal widmeten dem Dahingeschiedenen Morte des Abschiedes und Dankes. Der liberale Verein empfindet bitter die klaffende CiicEe, welche hier der Tod gerissen, und wird den Verstorbenen nimmer vergessen. _ Vereinigung für das liberale Judentum Ortsgruppe Elberfeld. Am Donnerstag, den 26. März a. cr., sprach Herr Rabbiner D r. Toblenz in. unserer Ortsgruppe über das Thema: „Bedürfen wir modernen Juden noch d e r R e l i g io n?" Redner führte aus, daß man zwischen persönlichkeits- und Gemeinschaftsreligion zu unterscheiden 'habe. Demgemäß löse sich das Thema in die Doppelfrage auf: \. Mie bildet sich Persönlichkeitsreligion? 2. In welchem Verhältnis steht die persönliche Religion des einzelnen zu der geschichtlich gewordenen Gemeinschaftsreligion? Bei der Beantwortung der ersten Frage wies Referent darauf hin, daß Persönlichkeitsreligion in allen Menschen lebt. Aus dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber den übermächtigen Naturgewalten wuchs bei ihnen der Glaube an eine höhere RIacht, die sie ihren Gott nannten und in der für sie alles Dunkle und Unverständliche seinen harmonischen Ausgleich fand. Dazu, kam das Gefühl der Ehrfurcht vor der erhabenen Größe und dem nie versagenden Reichtum der Natur, in denen sich die unendliche Schöpferkraft Gottes offenbart. Diese Art von Religion findet sich schon, wenn auch in roher Form, bei den primitiven Völkern der Urzeit, Höher steht die Religion, die in der Erkenntnis der geistigen und sittlichen Mächte im Lieben des einzelnen und der Gesamtheit wurzelt. Sie setzt bereits eine längere Kulturentwickelung voraus und war erst möglich, als die Menschen in der Mürde und dem Adel ihrer eigenen Natur die Offenbarung Gottes begreifen lernten: Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn. Und als Ebenbild Gottes ist der Mensch auch der Träger der sittlichen Meltordnung. Hier gilt das Mort Theodor Vischers: „Die sittliche Meltordnüng ist nicht außer dir, sie ist durch dich. Glaube an sie, und du hilfst sie mit allen guten Menschen machen. Hier ist der Glaube die Ursache dessen, woran er glaubt. So ist es mit allem ethischen Glauben: „Mas er glaubt, das macht er." Und dieser Glaube ist die tiefste und reinste Persönlichkeitsreligion, die uns eignet. Seine Schöpfer sind die Propheten. Sie erkannten auch in den Niederlagen ihres eigenen Volkes den Ausdruck der sittlichen Meltordnung. Sie urteilten: Menn Israel durch seinen Mandel seine sittliche Kraft verloren hat, dann sind die fremden Völker, die es unterjochen, die Zuchtrute Gottes, die das göttliche Strafgericht an dem Volke vollzieht, und keine Macht der Erde kann Israel davor retten, es sei denn, daß es sich selber rettet durch die ernste Arbeit seiner sittlichen Wiedergeburt. Die Propheten haben uns den Begriff der Weltgeschichte im Sinne des Dichterwortesgegeben: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Ein Stück solcher Persönlichkeitsreligion lebt bewußt oder unbewußt in jedem Menschen. Sogar der Freigeist kann sich ihr nicht entziehen. Ein klassisches Beispiel dafür ist unter den modernen Gottesleugnern Friedrich Nietzsche, der trotz seines Atheismus doch eine tiefreligiöse Natur war und im Banne des religiösen Gedankens stand. Auch der Monismus ist eine Art religiöser Bewegung, der aber gerade das fehlt, was den Bekennern der geschichtlich gewordenen Religionen ihre Kraft und ihren Reichtum gibt: das innige verwachsensein mit einer Jahrtausende alten religiösen Kultur. Das ist überhaupt der verhängnisvolle Fehler vieler religiös ge-