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Liberales Judentum · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 89

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Date
1914-04-01
Page
Seite 89 (sequence 21)
Language
German
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Aus der Jugendbewegung 89 auf den religiösen Liberalismus". Redner führte aus: Die Freiheit der religiösen Ueberzeugung ist ein unantastbares Gut; es gibt ein gleiches Recht auf den religiösen Liberalismus wie auf die orthodoxe Richtung. Liberalismus und Orthodoxie sind auf religiösein Gebiet keine Gegensätze, die sich zu befehden brauchen. Die konsequente Orthodoxie ist unbedingt notwendig, sie bildet die wurzeln, die den Saft aufnehmen, aber nicht den kraftvollen Baum, der dem Licht zustrebt; der Liberalismus allein trägt Blätter und Blüten und freut sich der Mannigfaltigkeit des religiösen Lebens; hinsichtlich der grundlegenden Wahrheiten und sittlichen Gebote gibt es keine Parteien, das liberale Judentum tritt erst da auf den f)lan, wo es sich um zeitlich bedingte Ausdrucksformen — Glaubensvorstellungen, Satzungen und Bräuche — für die ewig gültigen Wahrheiten handelt. Diesen Formen gegenüber gilt das Grundgesetz des religiösen Liberalismus: die Anerkennung der fortschreitenden Entwicklung, um die Religion vor Erstickung und Erstarrung zu bewahren. Durch wissenschaftliche Erforschung der Gründe der Religionsgesetze und durch Zurückgehen auf den Geist der Lehre soll ein Judentum gelehrt werden, das gelehrt werden kann. Es hat nie ein Judentum ohne Zeremonialgesetz geqe£>eit, und es wird auch keines geben; das liberale Judentum will auch gar nicht, daß seine Bekenner frei und losgelöst von allen Banden sein sollen, sondern wendet sich dagegen, daß das Religionsgesetz, das nur Mittel zur Sittlichkeit sein sollte, zum Selbstzweck, 5UT11 unveränderlichen göttlicher! Willensausdruck erhoben wird. Zeremonien, die durch ihre religiöse Weihe so bedeutungsvoll sind, daß sie den Grundstock des^ Judentums bilden, werden auch für den liberalen Juden bindend sein. Sabbate und Festtage bezeichnet die Schrift als göttliche Institutionen, allerdings rnuß da das schlichte biblische Arbeitsverbot in seine Rechte eingesetzt und die Maßlosigkeit der Auslegungen zurückgewiesen werden. vaus und Gotteshaus sind noch innner die Rultstätten des Judentums und sollen ganz besonders an Sabbaten und Festtagen als solche dienen. Dieses Streben gegen die Erstarrung religiöser Forinen kann leicht zuin Zusamrnensturz des ganzen Gebäudes führen, denn hierin liegt die Gefahr der schrankenlosen Ungebundenheit, wer den Liberalismus so aufsaßt, wird energisch von ihm abgeschüttelt, denn der religiöse Liberalismus will nicht niederreißen, sondern aufbauen; er betrachtet es nicht bloß als sein Recht, sondern als seine Pflicht, schadhafte Steine zu entfernen, aber nur, um dem Licht und der Luft Zutritt zu verschaffen. Man soll den Liberalismus, der sich nicht gegen die Orthodoxie, sondern gegen den Indifferentismus wendet, nicht im Munde führen, sondern ihn sich als Anschauung erkämpfen. Die geistvollen Ausführungen, die in packender weise zum Vortrag kamen, lösten lebhaften Beifall aus. wir hoffen, löerrn Rabbiner Dr. Salzberger noch recht oft bei uns zu sehen. Ili.

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