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Liberales Judentum · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 70

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Date
1914-04-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Hermann Itzig: Lauheit — Fanatismus Laukeit — fanatismus. von Hermann Jfjig-Pofen. „Wer sich über den Dingen nur denken kann, steht immer unter ihnen. Und wer sich nie verschenken kann, der kann sich nie gewinnen. Der wird sich nie den heiligen Geist und das ewige Leben erwerben, den 's niemals in die Tiefe reißt, aus Lust sich zu verderben: Die Dinge wirklich erleben, heißt, Beinahe an ihnen sterben!" Arthur Kahane. rotz allem Hasten und Jagen, trotz aller modernen Nervosität gibt es auch noch in unseren Tagen Menschen, die ihre Ruhe über alles stellen, die — nicht aus angeborenem Sinn —, sondern aus Bequemlichkeitsrücksichten zu allen Dingen und zu allen Ereignissen ihre ruhige, philiströse Beschaulichkeit wahren und die Dinge so an sich vorüberziehen lassen, wie sie sie kommen sahen. Nicht an die Ruhe, die durch philosophisches Grübeln und Denken schließlich errungen wird, ist hierbei gedacht, denn solche hat ihre ernste Begründung, nein, an die Ruhe, in die so mancher — vielleicht ganz gegen seinen besten ursprünglichen Willen — durch geistige Trägheit, durch Indolenz hineingerät. Uns Juden wird Temperament und Feuer nachgesagt, wir können stolz auf solche Eigenschaften sein, die sich als unsere Eigentümlichkeiten auch in unserer fetzigen Heimat des kalten Nordens noch erhalten haben. Jedoch wie eine Ironie nimmt es sich ans, wenn wir unsere Iudenheit von heute einer kritischen Betrachtung unterziehen und finden müssen, daß gerade bei einer großen Zahl unserer Brüder und Schwe st ernkalt ruhige, leidenschaftslose Stellungnahme zum Heilig st en, das ihnen das Schicksal beschert hat nnd-mit dem sie aufs Innigste verbunden sind, zu ihrem Judentum festzustellen ist. Jude sein ist für sie nur ein Begriff, der nebenbei besteht. Eine Lauheit sondergleichen herrscht in unseren jüdischen Reihen. Partei hin, Partei her, bei einer Allgemeinbetrachtung kann man nur konstatieren, daß diese Lauheit vor keiner Richtung halt macht. Die relativ größte Partei im Judentum ist heutzutage leider, leider immer noch die Partei der Indifferenten .... Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man annimmt, daß diese Lauheit teilweise historisch begründet ist, darin begründet, daß das Judentum durch zwei Ereignisse urplötzlich in ganz neue Entwicklungsstadien gedrängt worden ist. Durch die Emanzipation und durch die geistigen Revolutionen der neuen Zeit. Das alte konservative Judentum vermochte den Ansturm der Moderne nicht sogleich und ohne weiteres zu parieren. Die alte, heilige Lehre konnte nicht eben so plötzlich mit dem neuen Leben in Einklang gebracht werden, und man konnte als Folgen der Emanzipation erwachtes persönliches Selbstbewußtsein und Verständnis für die neue Zeit und als Folgen der neuen Geisteskultur teilweise Interessen-Assoziation mit den Strömungen der neuen Gegenwart in den jüdischen Reihen entstehen sehen. Das Judentum als solches war bei diesen Verhältnissen nicht in den Stand gesetzt, alle Geister zu fesseln und — der Anfang der Lauheit im Judentum war gegeben. Es soll hier nicht untersucht werden, wieviel Schuld hier der Orthodoxie beizumessen ist. Nur in neuen Gedanken und Formen hätte das Judentum seine alte Rraft mit Erfolg zeigen kön-

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