Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum ITlonatstdirift für die religiösen Interellen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion van vr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. M. No. II. Jaiirgang 5. November 1913. €in Wort an untere Akademiker. Von B. Jacob-Dorfmund. ie größte moralische Qual ist das Bewußtsein der Unwahrhaftigkeit des eigenen Lebens, des Widerspruches zwischen Rede und Tat, zwischen Sein und Schein. Diesen Widerspruch aufzuheben oder nicht aufkommen zu lassen, macht unsere wahre Lebensarbeit aus. Wie tief insbesondere wir Juden an unserer inneren Zerrissenheit leiden, braucht wahrlich niemandem gesagt zu werden, der sich nicht durch den äußeren Schein blühenden Lebens täuschen läßt. Was man sich aber nur selten klar macht und sagt, das ist: wo dieser widerspruch eigentlich sitzt. Aeußerlich scheint in der Tat das Judentum zu blühen wie nie zuvor. Nach außen und innen entfaltet es eine Geschäftigkeit, die in Erstaunen setzen kann. Wie von einem dichten Adernetz ist es durchzogen von vereinen, Institutionen, Veranstaltungen, Organisationen, verbänden jeder erdenklichen Art, die jeden mit jedem verbinden, und wenn durch diese Adern aus einem gesunden kräftigen Kerzen wirklich lebendiges Blut flösse, dann könnte es keinen gesünderen lebenstrotzenden Organismus geben. Alle diese Vereine wollen dazu geschaffen sein, das Judentum zu vertreten, zu stärken und zu erhalten. Wir möchten gerne annehmen, daß die Rlänner, die ihnen angehören und sie leiten, den aufrichtigen Willen haben, für dieses Endziel zu wirken, und wir danken ihnen von öerzen für diesen guten Willen. Dann aber darf ihnen auch einmal gesagt werden, daß sie oft hundert Umwege machen, um ein Ziel zu erreichen, oder noch öfter zu verfehlen, dem sie mit einem einzigen graden Schritt viel näher kommen würden, muß der Finger auf die Wunde des Widerspruches gelegt werden, mit dem das Tun sehr vieler behaftet ist. Dies richtet sich an unsere Gebildeten überhaupt, insbesondere an unsere Akademiker. Ihre Zahl ist in den letzten Jahrzehnten ganz außerordentlich gestiegen, so daß sie in jeder größeren Gemeinde einen nicht unerheblichen Bruchteil ausmachen. Das Zusammendrängen der Juden in den Städten und ihr verhältnismäßig häufiger mittlerer Wohlstand erleichtert es den meisten Vätern, die ihren Stolz und ihren Ehrgeiz in ihre Söhne setzen, diese in die höheren Schulen zu schicken. Schon eine mäßige Begabung genügt dazu, diese zu absolvieren. Ist der Sohn aber erst einmal so weit, dann will man nicht auf halbem Wege stehen bleiben, und die geschäftliche Berechnung läßt das akade-