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Liberales Judentum · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 218

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Ar. Goldfchrrndt: Zur Muhrhrrt über die Richtlinien und zum Frieden Halme geschossen ist, wie ihre polnischen und ungarischen Schwestern. Raschi ist wohl der Typus der deutschen Talmud-Größe, und wer könnte sich Raschi als „j)ilpulisten" denken? Die Nüchternheit des deutschen Trustes ist vielleicht dem Ueberschäumen dieser genialen Phantastik überhaupt nicht günstig. Doch dem sei für die Vergangenheit wie ihm wolle: in der Gegenwart mußte die jDilxulistik in den Kreisen der deutschen Rabbiner und Talmudbeflissenen verkümmern. Die Mxulistik hat zur unbedingten Voraussetzung, daß der Talmud das ausschließliche Element des Geistes sei, daß man sich von frühester fugend an ausschließlich mit dem Talmud beschäftige. Das ist aber bei dem in Deutschland geborenen Rabbiner eine Unmöglichkeit. Mit 6 Jahren muß er in die Elementarschule, mit 9 Jahren ins Gymnasium: wo bleibt da viel Zeit für den Talmud? Wenn's hoch geht, „lernt" so ein Gymnasiast 2 Stunden täglich Talmud; was sind aber 2 Stunden täglich für den „Ozean des Talmud"! Man kann es da notdürftig am Ende des akademischen Studiums zur Kenntnis eines Teils des Schulchan Aruch Mrach Thajim und der ersten U0 Kap. des Jore dea mit einem Teil der dazu gehöriger: Ouellen bringen, aber ein Lamdon, der den ungarischen und polnischen Koriphäen mit ihrer souveränen Beherrschung des Talmud auch nur das Wasser reichen könnte, kann man dabei nicht werden. Unter diesen Umständen hat das moderne, freisinnige Judentum die Mpulistik im Talmudstudium aufgegeben. Man läßt den polnischen und ungarischen Talmudisten neidlos ihre pilpulistischen Lorbeeren und betreibt den Talmud und den Schulchan-Aruch als eine Wissenschaft, nach allgemeiner wissenschaftlicher Methode. Das Verständnis des Inhalts ist die Hauptsache. In der Orthodoxie glaubt man diese Verzichtleistung auf das polnische und ungarische „Lernen" nicht so leichten Herzens aussprechen zu dürfen. Man kämpft da gegen die Tyrannei des Lebens an, die es heute unmöglich macht, daß die „Thora in V Auffassungen" gedeutet werden könne. Die Lorbeeren der polnischen und ungarischen f)ilpulisten lassen die orthodoxen Rabbiner Deutschlands nicht schlafen, ich gestehe gern zu, nicht aus Eitelkeit, sondern aus religiösem j)flichtbewußtsein. Das orthodoxe Talmudstudium in Deutschland kokettiert noch immer mit dem „j)ilpul". Eine „Kaschje fragen", „ein Harber Rambam" ist da immer noch das pium desiderium, der eigentliche Leckerbissen des „Lernens". Damit geht viel kostbare Zeit verloren, die besser auf solides, gesundes Talmudstudium verwendet würde, und die Folge davon ist, daß unter de n orthodoxen Rabbinern Deutschlands ein empfindlicher Mangel an solider Talmudkenntnis herrscht, wenn eine orthodox-jüdische Gemeinde in Deutschland einen tüchtigen Talmudisten als Rabbiner wählen will,' dann sucht sie ihn garnicht in Deutschland, sondern holt sich ihn aus Ungarn. So hat es Frankfurt gemacht, so seinerzeit Hamburg usw. Im deutschen Judentum würde man mit der Diogenes-Laterne keinen hervorragenden Talmudisten finden. Auf den Rabbinatsstühlen der jüdischen Orthodoxie Deutschlands machen sich Rabbiner breit, die — es ist das öffentliches Geheimnis in der Orthodoxie — vor einem schweren „Stückchen Gemara", vor einem „schweren Toßaphoth" wie hilflose Waisenkinder stehen. Ich will keine Namen nennen, sonst könnte ich die Welt in Erstaunen setzen, welche großen Rabbinate, die bis zur Bildung der Orthodoxie als partei in Deutschland durch die größten . „Geonim" vertreten waren, unter dem Einfluß der Orthodoxie als „Partei" mit talmudischen

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