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Liberales Judentum · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. Seite 216

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Date
1913-09-01
Page
Seite 216 (sequence 24)
Language
German
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216 Rundfchan auch mit Selbstverwaltung cmsgeftctttctcn jüdischen Gemeinwesens, lehnt Redner als unfruchtbar und gefährlich ab, bezeichnet auch die Erreichung dieses Zieles jetzt nach dem Balkankriege, der die Türkei auf Asien beschränkt habe, unmöglicher als je. Er zieht das Facit, das; die deutschen Juden unter Ablehnung des Zionismus für die völlige Durchführung des Emanzipationskampfes auf deutschem Boden weiter tätig sein sollen. Zn nicht minder eindringenden, geistvollen und packenden Ausführungen behandelte darauf D r. Gold mann die Stellung der Juden in der deutschen Kultur, die neuerdings durch die Auslassungen des Zionisten Moritz Goldstein im Kunstwart Gegenstand eingehender Erörterung gewesen sei. Ev führte aus, das; jede Kultur nicht Reinprodukt eines Stammes sei, sondern ein Konglomerat von allen möglichen Kultureinflüssen auf einem Raum in einer Sprache. So sei auch die deutsche Kultur ein großes Mosaikbild, in welchem die Steinchen, die die Juden geliefert hätten, einen beachtenswerten Anteil darstellten. Die Bedeutung der Juden für die deutsche Kultur sei zuerst von den Antisemiten bestritten worden, die behaupteten, nur die Angehörigen der germanischen Rasse dürften an der deutschen Kultur Mitarbeiten. Ihnen sekundierte der Zionist Moritz Goldstein mit seiner Auffassung, die Juden wüßten deutsche Kultur nicht wahrhaft zu würdigen, die Steinchen, die sie lieferten, paßten nicht in das Rlosaikbild. Zugleich stoße Goldstein durch die Behauptung: „die Juden verwalteten den geistigen Besitz der deutschen Nation", die Andersgläubigen vor den Kopf. Diese Behauptung sei eine Maßlose Uebertreibung, sie berücksichtige nur einige Spitzen und übersehe die Masse der in Reih und Glied in der deutschen Kultur tätigen Juden. Mas die Juden gäben, gehöre organisch der deutschen Kultur an. Den Zionisten, die rückhaltlos alles zugäben, was Feinde der Juden behaupteten, und sich dabei als Vertreter der ganzen deutschen Iudenheit aufspielten, sei der angebliche Kulturkonflikt zwischen Juden und Deutschen nicht Grundlage, sondern Ziel. Sie suchten ihn erst hervorzurnfen, um ihre Ziele zu fördern. Die deutschen Juden sollten sich dadurch jedoch nicht beirren lassen. Sie sollten weiter wirken in der deutschen Kultur, die nicht zum wenigsten auf der Sittenlehre der Propheten des Judentums beruhe. Das Judentum gebiete den Kampf um Gerechtigkeit und Recht, dafür dürfe der Emanzipationskampf nicht aufgegeben werden. Beide Referenten belohnte lebhafter Beifall der Versammlung. Die Diskussion gestaltete sich sehr stürmisch. In der Versammlung befand sich eine ^gewissermaßen militärisch organisierte Minderheit von etwa 5—^00 Zionisten, die von ihren Leitern zu Beifall und Miderspruch kommandiert wurden. Eine Anzahl von ihnen versuchte durch unpassende längere Zwischenrufe die Referenten und den Vorsitzenden zu stören. Als nun in der Diskussion von zionistischer Seite Rechtsanwalt Dr. Gronemann in längeren Ausführungen gesprochen und Rechtsanwalt Dr. Jaffa ihm wirkungsvoll erwidert hatte, erhielt für die Zionisten Rechtsanwalt Dr. Klee das Mort. Dieser erging sich in Redewendungen, die in Verbindung mit begleitenden Körperbewegungen vom Vorsitzenden als Beleidigungen des einladenden Vereins und speziell seiner Vorstandsmitglieder und Referenten empfunden und gerügt wurden. Darauf verließ Dr. Klee das Podium, und seine Anhänger zogen auf Kommando unter großem Lärm und Absingen eines hebräischen Liedes ab. Dieses Verfahren erscheint dadurch noch besonders charakteristisch, daß schon vorher von zionistischer Seite die Parole ausgegeben war, nach Klecks Rede den Saal zu verlassen. Als endlich Ruhe hergestellt war, vertrat noch Herr Lazarus Barth, früherer Vorsitzender der Berliner Zionistischen Vereinigung, der, das Benehmen seiner Gesinnungsgenossen offenbar als ungehörig empfindend, im Saal verblieben war, sachlich den zionistischen, Herr Dr. med. Salo,nonski und im Schlußwort die Herren Referenten in treffenden Morten den liberalen Standpunkt. Die Versammlung bildete eine imponierende Kundgebung, die Aussprache eine fruchtbringende Auseinandersetzung mit den rückschrittlichen Irrlehren des Zionismus. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich Dr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 92. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber, Frankfurt a. M., Bieber-Gaffe 6.

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