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Liberales Judentum · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 192

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 192 (sequence 24)
Language
German
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Rundschau 192 o o o o Line hübsche Jungfrau hat heute hier in Ihrer Mitte einen Prolog vorgetragen, wo bleibt Ihr Grundsatz kol beischoli erwoh; Frauen und Männer sind hier in einem Raum vereint; wie oft wurde hier die Anrede: „meine Damen und Herren" gehört, aus dem Munde solcher, die sonst den Frauen auf religiösem Gebiete keine Rechte einräumen? Tragen Sie Gürtel über Ihrem Obergewand, wie der Schulchan Aruch vorschreibt, geben Sie Trumali und Maasser, wie die Thorah gebietet? Sie geberden sich ^als die einzigen wahren Juden und doch sind und bleiben Sie in den Augen der polnischen Juden nichts anderes als Ketzer, als Epikorsim, weil Sie keine Haarlocken mehr tragen, keine polnische Tracht und weil Sie sich moderne Bildung angeeignet haben. — Alle Referenten haben heute hier über die traurigen Zustände im heutigen Israel geklagt, nun was haben Sie bisher zur Abhilfe getan? Nichts, im Gegenteil, Sie tragen mittelbar zur Verschlimmerung bei. Das schlimmste Nebel ist doch der Abfall vom Glauben; es ist festgestellt, daß im 19- Jahrhundert nicht weniger als 2^0 000 Juden zum Christentum übertraten; wer trägt die Schuld? Sie antworten: „Die freidenkende Richtung", aber das trifft nicht zu. Thurhessen stand und steht noch heute unter der Herrschaft Ihrer Orthodoxie, nun frage ich diese zahlreiche Versammlung, zählen Sie nicht auch in Ihrer Mitte viele' Mischehen und Abtrünnige? Sie bejahen es durch Ihr Schweigen; aber nicht minder bestätigt es die Statistik. Sie, die sogenannten Gesetzestreuen glauben durch Starrheit und Erschwerungen auf religiösem Gebiete der Fahnenflucht Einhalt zu tun, aber mit welchem Erfolg, das zeigt das Leben. Mas geben Sie nicht alles als Gebote der Religion aus; diese soll die j)ietät verbieten, die Gräber der Eltern zu zieren. Taschlich und Kapporos sind nach Ihnen unerläßliche Forderungen des Glaubens; Zaun um Zaun, Gebot um Gebot häufen Sie, so daß der Kern dadurch unkenntlich und das Ideal verhüllt wird; Sie verfahren nicht nach dem Grundsatz unserer alten Meisen: „Es ist geratener, so manches zu erlauben, falls vorauszusehen ist, daß es trotz des Verbots dennoch geschehen wird. (Mutawschej ikoclienoh behetar mischejissoenoh be'issur. Siehe Raschi V. B. M. Kap 2\r XX l b) Nun aus diesem Grundsätze heraus sind die Richtlinien entstanden, also im Sinne und im Geiste der Thorah. Nun kommen Sie als die Eiferer und belegen dieselben mit Ihrem Banne und möchten deren Urheber steinigen. Mir jedoch rufen Ihnen zu, wie einst Ioas, der Vater des Richters Gideon: wie, Ihr wollt ^ür Gott streiten? ist Euere Sache wirklich göttlich, so wird sie selbst schon sich Bahn brechen. Der Vorredner nannte die liberalen Rabbiner die Rotte Korachs, wir aber sagen, das seid Ihr selber, die Ihr die Brandfackel ins Judentum werfet und möchtet es in 2 feindliche Reiche spalten, lhat doch einer Ihrer Heißsporne frohlockend gerufen, jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir den Riß im Judentum zu einer dauernden Kluft machen können, und der heutige Redner hat gejubelt, die Richtlinien bringen uns Segen, da dieselben alle Gemeinden ins Lager der Orthodoxie hinüberführen werden. Mir, die liberalen Rabbiner, sagen Ihnen, Sie sind in einer großen Täuschung befangen, hinter uns steht das Gros der deutschen Juden in einer Anzahl von ^00 000 Glaubensgenossen, Sie jedoch können, hoch gerechnet, kaum Vi davon zählen. Da Sie mich drängen, meine Entgegnung zu schließen, will ich nur noch das Eine sagen. Der Vorredner hat den Dichter Heine für sich zitiert, ich aber hoffe, daß unsere Richtlinien einen Ausspruch dieses Schriftstellers zu nichte machen werden, Heine sagte: Das Judentum sei keine Religion, sondern ein Unglück; die Richtlinien werden beweisen, daß unser Judentum eine Glück und Licht bringende Religion war, ist und bleiben wird. Rabbiner Dr. Landau. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8. Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann. Frankfurt a. M., Friedrichstr. 92. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber. Frankfurt a. M., Bieber-Gasse 6.

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