Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 168 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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168 In eigener Sache der sel. Professor Graetz vom Breslauer Seminar „den Nachweis erbracht, daß er noch nicht einmal pirke Aboth — pcTifum der Klasse der Reli - giSnsschule -— versteht!!! Und so etwas will ernst genommen sein und nennt sich w'issenschaftliche Widerlegung!! Was im letzten mir. vorliegenden Artikel Herr Dr. Tarlebach an tatsächlicher wissenschaftlicher „VO iderlegu ng" gegen mich vorbringt, gibt der gelehrten Welt einen Vorgeschmack der Wissenschaft, die wir noch zu erwarten haben. Er schreibt: „Wie ist der wahre Sachverhalt? Als Esra von Persien heraufzog, da suchte er unter den Heraufziehenden Leviten und fand keine (Esra 8, (5), da diese es vorgezogen, im gesegneten Babel zurückzubleiben. Ueberhaupt war nur eine kleine Zahl Leviten ins Land zurückgekehrt. Wenn kein Levi da ist, kann man chm unmöglich den Zehnten geben; per Eilgut es an ihn zu schicken, ist nicht angängig, da er es im heiligen Lande verzehren muß." — Nun gab es aber in Jerusalem allein damals nach dem biblischen Bericht ^56 Leviten, abgesehen von den sonst im heiligen Lande wohnenden. Wie unsagbar komisch mutet angesichts dieser Tatsache die Bemerkung an: „per Eilgut es an ihn zu schicken, ist nicht angängig." Aber nicht genug damit. Nach dem Talmud soll Esra den Leviten den Zehnten entzogen haben (die Bibel selbst weiß nichts davon, ja berichtet uns wie wir gleich sehen werden, das Gegenteil), als er auf einer Station an dem Flusse Ahwa, wahrscheinlich dem Sammelplatz der nach Palästina Zurückkehrenden, keine Leviten vorfand. Das war im Jahre ^58. Nun lesen wir aber im Buche Nehemia (\0, 38 f.), in der von Nehemia selbst, von 22 Priestern, \7 Leviten und den Häuptern des Volkes untersiegelten Urkunde wörtlich also: „Und wir stellten als Gebot auf . . ., wir wollen bringen die Erstlinge . . . den priestern und den Zehnten unseres Bodens den Leviten." Und weiter erzählt Nehemia ((3, (8 ff.): „Ich erfuhr, daß die Abgaben den Leviten nicht gegeben worden waren (so daß die Leviten genötigt waren, ihre Felder aufzusuchen), da haderte ich mit den Vorstehern und sprach: ,Warum ist das Gotteshaus (von den Leviten) verlassen? Und ich brachte sie (die Leviten) auf ihre Posten zurück. Und ganz Zuda brachte (den Leviten) den Zehnten." Das geschah in den Zähren ^5 und Also lH Zahre nach der angeblichen Bestrafung der Leviten durch Esra, wurde das Volk feierlich verpflichtet, den Leviten den Zehnten zu entrichten; und als es sich dieser Pflicht entzog, setzte sich Nehemia für die Beobachtung dieses mosaischen Gesetzes ein und betete zu Gott, daß er darum seiner in Gnaden gedenken möge!! Das alles steht mit unzweideutigen, klaren Worten in der Bibel geschrieben. Was aber dem Ganzen die Krone aufsetzt: Herr Dr. Tarlebach behauptet „per Eilgut es an ihn zu schicken, ist nicht angängig, da er es im heiligen Lande verzehren mitß." Zn der Thora aber steht gerade das Gegenteil geschrieben (^. 2T(of. (8, 3(): „Und ihr (Leviten) dürft ihn (den Zehnten) essen an jedem Mrte."!!! Welche Töne hätte wohl Herr Dr. Tarlebach angeschlagen, wenn sich ein l i b e r a l e r Rabbiner eine solch unglaubliche Blöße gegeben hätte!!! Aus diesem einen Beispiel mag inan sich einen Vers machen auf die weiteren „w i s - senschaftlichen Widerlegungen" des Herrn Dr. Tarlebach. Rlit diesem Herrn und seiner Wissenschaft sind wir fertig. D r. S e l i g m a n n. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29 Druck und Expedition von Voigt & Gleiber. Frankfurt a. M.. Bieber-Kaffe ft.