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Liberales Judentum · 1913-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1913) · p. Seite 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 147 (sequence 27)
Language
German
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o o o o Gedichte eines deutschen Juden 147 Falscher T r o st. Nicht in den Himmel wachsen ja die Bäume, Dies gilt als Trost für schlimme Theorien; Doch gibt man sich der Herrschaft wilder Träume Nicht ungestraft im Völkerleben hin. Indes ich in den Lüften Schlösser baue, Verliere ich des Lebens beste Rraft, Ich seh' verzückten Blickes hin ins Blaue Und merke nicht, wie jeder Sinn erschlafft. Hart in dem Raume stoßen sich die Sachen, Dem Mahnumfangnen wird ein böser Tausch: Jedwedem Traum folgt schließlich ein Erwachen, Lin Ratzenjammer schließlich jedem Rausch. Die schlimmste Iudennot. Der Jude weiß nicht, was er ist, Tr weiß nicht mehr, warum er leidet; Das ist die schwerste Iudennot, Die in Begeistrungsrausch sich kleidet. Begeisterung für Nation, Begeisterung für Art und Nasse, Sie beide gelten heute schon Als Glaubensfurrogat der Masse. Der, ach, so leichten Glauben fand. Der böse Traum wird rasch vergehen; wird dann der Glaube, der entschwand. Von neuem uns zur Seite stehen? Ist er dann nicht für immer tot? Das ist die Angst, die Besten quälend, Das ist die schlimmste Iudennot, Das ist das schwerste Iudenelend. Rraftjudentum. Rraftjuden wollt ihr aus uns machen! Doch unsre Rraft war stets der Geist, Der, Herrscher in dem Reich der Sachen, Der Dingwelt erst die Ziele weist. Die rohe Rraft, laßt sie den andern! Sie hat uns dauernd nie verletzt; » In allem Leiden, allem Mandern Erhielten wir uns bis zuletzt. Die rohe Rraft! Denn Rräfte hatten Mir überreich zu jeder Zeit; Der Geist nur hieß die Rraft ermatten, Die seinem Dienst sich nicht geweiht. Stand nicht das höchste auf dem Spiele, Mie zögerte die starke Hand, Gewärtig, ob der Geist dem Ziele Das Recht des Rampfes zuerkannt! Doch, wenn's des Stammes höchste Ehre, Den Glauben an den Einen, galt, Mie setzten wir uns da zur wehre In ewig rühmlicher Gestalt! Auch für den Staat, dem wir zu eigen^ Seitdem der unsere versank, Mie konnten wir uns mutig zeigen Und fragten nicht nach Lob und Dank! Doch, daß man nie die Rraft uns preise Die, wem sie dienen soll, vergißt, ' G, daß wir blieben bei der Meise, Die unser war und unser ist! Bewundert qreidlos andrer Rräfte, Die Rraft der Rräfte ist der Geist, G, daß kein Sieg uns jemals äffte, Mo jener uns nicht kämpfen heißt! Großvaters Mahnung. Ramm her, mein Rind, ich sag' dir was, ich habe weißes Haar, Mer weiß, wie bald geschieht es, daß ich auch zur Grube fahr'. Du hörst jetzt viel von Nation der Juden und so fort, Drum komm, mein lieber Lnkelsohn, und hör' des Greises Mort! Gott sprach zu uns vom Sinaiberg, zu Moses aus dem Strauch, Und, wo du stehst vor seinem Merk, spricht er zu dir jetzt auch; Er spricht zu dir aus Luft und Licht, aus jedem Blatt im Mald, Nur aus den Blättern spricht er nicht, woraus der Zeitgeist schallt.

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