Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 268 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Are Pssrner Uerfamwlnng — Ansprache Ir. Freudenthal deuten hat als das Aufgehen einer Minorität in der Majorität nicht aus innerer Ueberzeugung heraus, sondern unter dem Zwang äußerer Verhältnisse, wollen wir liberalen Juden denn das? wahrlich, dann hätten wir uns nicht vereinigt, um das Judentum zu. erhalten, nicht zusammengeschlossen einzig und allein aus religiösen, sittlichen und idealen Antrieben. Es kann gar nicht scharf genug betont werden: wir sind keine religiösen Assimilanten, für uns bleibt das Schema Iisroel Anfang und Ende unseres Fuhlens, unseres Denkens, unseres wollens, und wer nicht innen so fühlt und nicht ehrlich so denkt und nicht offen so will, für den ist in unserer Vereinigung nicht der rechte Boden. (Bravo!) Aber was wir wollen, das ist Bewegungsfreiheit für diesen unseren heiligen Glauben, nicht etwa bloß politische, staatsbürgerliche, deren feurigste Vorkämpfer übrigens in allen unseren großen Vereinigungen bekanntlich gleichfalls gerade liberale Juden sind (sehr richtig!), sondern auch religiöse Bewegungsfreiheit im Innern wie nach Außen. Denn wir wollen weder selber im Innern mit dem ewigen Gotteswort dauernd festgelegt sein an das, was zeitliche Menschensatzung war, noch wollen wir nach Außen von den anderen Menschenbrüdern dauernd dadurch abgeschnitten bleiben, was uns an überlieferten Religionsgesetzen dieser Art heutzutage hemmt und engt, geht fast alles auf die Zeit zurück, da Judentum und Heidentum im Kampfe miteinander lagen und mit vollem Recht jeder Einfluß einer Weltanschauung unterbunden werden mußte, die nicht bloß in religiösen, sondern fast mehr noch in sittlichen Dingen den schärfsten Gegensatz zur Lehre der Propheten bildete. Der Kampf ist lange aus, die alten Waffen haben treulich 'ihren Dienst getan; wir wollen sie nunmehr als Trophäen dem Ruhmesarsenal der jüdischen Geschichte einverleiben, nicht aber sie immerfort noch als stumpfgewordene Klingen rasselnd nutzlos an der Hüfte schleppen. (Bravorufe!) wir leben ja nicht mit Heiden mehr, sondern mit Unseresgleichen, mit Menschenbrüdern, die von unserem Gottes- und j)rophetenwort Religion und Sittlichkeit gelernt haben und noch immer lernen, und lehnen wir auch entschieden ab, was uns als Widerspruch zu diesem Wort erscheint, so anerkennen wir doch um so freudiger, was damit harmoniert und uns religiös und sittlich eint, Hat es einen Sinn, unter solchen ganz anders gearteten Verhältnissen, selbst in der Theorie nur, noch immer Zaun um Zaun aus der vergangen-, heit aufrecht zu erhalten oder in der Praxis gar noch neue auszuklügeln, die man hinzufügen könnte? Es ist nicht bloß ohne Sinn, sondern auch ohne Erfolg. Im Gegenteil! wir haben leider schon allzu oft die bittere Wahrheit jenes Talmudwortes erfahren müssen: „Der Zaun wird immer dichter, aber die Lücke wird immer größer", und durch diese Lücke ist schon so mancher entschlüpft, dem der allzu dichte Zaun Licht und Luft und Bewegungsfreiheit genommen hatte. (Bravo!) Wollen wir diese Lücke ausfüllen, dann taugt nicht lockeres, spitzes Geröll, dann nützen nur die großen, unzerstörbaren Quadersteine. Zusammenhalten werden uns heute nicht mehr kleine und kleinliche Vorschriften, sondern nur Israels große Lwigkeitsgedanken. (Bravo!) Das Judentum die Menschheitsreligion! wie verschwindet vor dieser gewaltigen j)rophetenhoffnung als so nichtig und winzig alles das, wogegen wir heute noch immer ankämpfen müssen! Nicht ohne Grund wird in der Hagada der große Meister Moses einmal als ein besonderer Weiser darum-gerühmt, weil er einst den zweieinhalb Stämmen die Lehre gab: „Macht doch nicht die Hauptsache zur Nebensache und nicht die Nebensache zur Hauptsache!" Das ist unsere Weisheit! Ihre Wege wallen wir wandeln in unserer Vereinigung, im gesamten Judentum, als treue Schüler eines Moses und aus, der heiligen Ueberzeugung heraus: Das ist Gott zur Ehre und den Menschen zu Nutze und uns selber zum Segen! (Großer Beifall!) Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt L Gleiber, Frankfurt a. M., Bieber-Gasse 6.