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Liberales Judentum · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 238

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 238 (sequence 22)
Language
German
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238 Ar. Ernst Hritborn: Grvrgr und vergängliche Werte im Judentum diesem Punkte als rückständig zu bezeichnen, l wenn das jüdische Volk bei seinem Gesetzbuchs stehen blieb. Denn während der Gestaltungstrieb und die staatlichen Bedürfnisse die anderen Völker veranlaßten, Recht, Religion und Sitte verschiedenen Gebieten zuzuweisen und sie dann aus ihren besonderen Plätzen zu entwickeln, blieb bei den Duden des Altertums die große chaotische Vereinigung von Recht, Religion und Sitte erhalten, die sich bei allen Völkern in den Anfängen der Entwicklung findet. Es wurde nicht nur das Recht der Sittlichkeit, sondern auch die Sittlichkeit vom Recht beherrscht. Und noch heute zeigen sich die Spuren dieses Chaos. Ja, man hat in der Zeit des Altertums, als eine Erneuerung des Judentums versucht wurde, den Zustand noch verschlimmert, indem man aus Besorgnis vor Uebertretungen das Gesetz mit einem Zaune umgab, der nur ein religiöses Gebiet einhegte und doch die Gewalt des Gesetzes erweitern sollte. Der „Gesetzestreue" war es, gegen den Christus und mehr noch Paulus ihren Angriffsstoß richten durften. Jonas: Äu scheinst Dich doch gegen alle Juden wenden zu wollen, die die Vorschriften der Religionsübung heilig halten. E r n st: So bin ich in der Tat mißverstanden worden. Die Frage, was die Znnehaltung der Formen — den Bekennern einer Religion bedeuten darf, ist für alle Religionen gleichmäßig aufzuwerfen. Zch hatte aber nur die Erweiterung des Umstandes im Auge, daß sich Vorschriften, die lediglich die Sikte oder die Sittlichkeit berühren, in einem Buche mit den reinen Rechtsvorschriften vermengt vorfinden. Die Gefahr schwebt mir vor Augen, daß das sittliche Bewußtsein sich zufrieden geben könne, wenn alle diese Vorschriften, die in dem Buche vereinigt sind, erfüllt werden. Die Sittlichkeit, die in Formeln gefaßt wird, ist ein Spielball der Spitzfindigkeit. Jonas: Schon unsere Meisen haben das „unbeschnittene Herz" für schlimmer erachtet als die Außerachtlassung der vorgeschriebenen Beschneidung. Ernst: Ich wollte nur auf die Gefahr Hinweisen, die,für die große Masse bestanden hat, und die nicht ohne Einfluß geblieben ist. Ls e l e n e: Du wirst Dir nicht einbilden, die ewigen und die vergänglichen Werte im Judentums im Einzelnen erschöpft zu haben. Damit würden wir auch heute nicht fertig werden. Wer aber soll uns die rechte Unterscheidung lehren, wenn wir nun einmal dem Zwiespalt und dem Aampfe nicht entgehen können oder nicht ausweichen sollen? Ernst: Die Geschichte und das ehrliche Ringen nach Erkenntnis. Helene. Auch die Liebe soll uns helfen. Die Liebe, die aus dem Gemenge von Wert und Unwert das Gute heraus zu finden weiß, weil sie es herausfinden will. Alexander: Zch verspreche mir das Meiste von dem inneren natürlichen Triebe, der ohne Erwägungen und ohne Zureden das Richtige trifft. Wir wollen uns wieder der Natur nähern, deren Schönheit und Erhabenheit aus jedem Worte unserer Sänger und Propheten hervorleuchtet. Zonas: Ich will den Weg gehen, den ich bisher gegangen bin. Aber das Wort möge gelten: An unserem Leben, an unserem Verhalten gegenüber den Mitmenschen und den Gemeinschaften, denen wir angehören, an dem Bilde unserer Seele und an unserm handeln wollen wir erkennen, wo Wert ist und wo Unwert.

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