Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 192 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Ar. Kaeck: Amerika ^enntnisrichtung. Lin gewisser kirchlicher, fast theologisä^er Zug, der dem Amerikaner angelsächsischer Herkunft eigentümlich ist, — der Amerikaner liebt es, zu predigen und angepredigt zu werden — kommt dem entgegen. Selbst die katholische Kirche muß hier die Einwirkung der Laien, die ihr das „amerikanistische" Gepräge gibt,, trotz allem gelten lassen. Für.den Juden .ist diese freie Verfassung des Gemeindelebens nichts Neues, wie sie es etwa für den einwandernden Protestanten ist; er braucht sich hierin nicht erst zu amerikanisieren. Die jüdische Gemeinde ist seit jeher eine selbständige Republik gewesen, von den vereinzelten konsistorialen Gebilden im neunzehnten Jahrhundert abgesehen, und sie ist immer eine Laicngemeinde gewesen, weshalb ja auch etwas so Ungeschichtliches in dem versuche liegt, sie durch ein rabbinisches Veto zur Monarchie umzugestalten. Und auch in einer anderen Beziehung ist der Jude von vornherein Amerikaner: in der praktischen, sozialen Richtung seines religiösen Daseins, wie sie seit jeher den: Judentum eignet. Denn ein gleicher Zug tritt in dem kirchlichen Leben der vereinigten Staaten seit langem bestimmend hervor, geschaffen durch die zweimalige wesentliche Einwirkung, die es vom Mutterlande her erfahren hat, zum ersten Male, um die Mitte des \7. Jahrhunderts, durch das Puritanertum und dann, anderthalb Jahrhunderte danach, durch den Methodismus. Beiden Bewegungen war es eigentümlich, daß sie in der Religion den ganzen Nachdruck auf die Bewährung im Leben, auf den Beweis durch die Tat legten — wie es in einem Gedicht Emersons, dessen großer Einfluß eben dorthin geht, gefordert wird: „Laß' in der Tat den Glauben sehen." Sie haben das erzeugt, was man drüben bisweilen „die jüdische Temperatur" des Landes genannt hat, d. h. den „gesetzlichen" Sinn, der nach den guten Werken, oder um es wieder mit einer amerikanischen Rede, welche alten Orthodoxen in den Mund gelegt wird, zu sagen, nach den „verdammten guten Werken" strebt. Es drückt sich schon in der kirchlichen Sprache aus; ethical und social sind ihre Lieblingsworte, und die Theologie will gern „moralische Theologie" heißen. So sehr sich die einzelnen Denominationen unterscheiden mögen und so sehr die Neigung zu Sätzen und Formeln oft vorhanden ist, jener „jüdische" Zug ist allen gemeinsam. So finden die Juden in der Art des Landes, den: viele unter ihnen wie einem verheißenen nahen, mancherlei, was ihnen von vornherein. gewohnt und vertraut ist. Nur eines, so möchte man meinen, was inx besten Sinne Amerikanertum ist, müßte ihrem eigenen Wesen fremd sein. Für das Volk der neuen Welt ist weniges so bezeichnend und weniges bietet der Beschäftigung mit seinem geistigen Leben, wenn man z. B. die Werke eines Henry Thoreau oder Walt Whitman liest, einen solchen Reiz, wie das Jugendliche und Naive, das Furchtlose und Heitere, das ihm zu eigen ist, und das seinen besonderen Idealismus darstellt, den es im tiefsten Grunde besitzt. Die Menschen haben drüben so viel Raum, wie ihn eben nur die Jugend hat, in ihren fliegenden wünschen und Hoffnungen ihn zu haben meint. Und in diese jugendfrische Welt kommen nun die Juden, aus dem Lande bedrückender Luge zumeist, wie Leute mit altein Gesicht, dem die hoffnungslose Not sich in die Mienen eingezeichnet hatte. Aber das Wunder geschieht auf dem neuen Boden: die Juden amerikanisieren sich auch darin schnell, daß sie sehr bald die jugendliche Begeisterungsfähigkeit gewinnen oder richtiger zurückgewinnen; denn Jude sein, bedeutet im besten Sinne, Idealist sein. Sie werden hier Männer der freien Luft und des freien Lichts, und auch in ihrer Religion beginnen die neuen Triebe zu keimen. Allenthalben regt es sich, drängend und hebend, im amerikanischen Judentum. Manchen mag es bisweilen bedünken, als sei zu viel des Schwellens und Treibens; aber all die Fülle ist doch nur das Zeichen dieser naiven Frische, mit der das neue Land den Inden, sein ganzes Denken und Wesen, erfüllt hat. vielleicht ist es der Anfang einer Renaissance, wie das Judentum sie mehrmals, in seinen glücklichsten Zeiten, erlebt hat, die sich drüben vorbereiten mag. Dann würden in unserer Geschichte die vereinigten Staaten ihren Platz gewinnen neben Palästina und Babylon und Alexandrien, neben Spanien und Deutschland. Lerausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin C 2, Leiligegei^straße 45. Nur bie Redaktion und den Vertag verantwortlich Dr. Ä. L e l ig m a n n, Nrankfurt a. Al., Nriedrichstr. 29. Prnck und Expedition von Voigt & Lleiber, Nrankfurt a. At., Aibexgaffe 6.