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Liberales Judentum · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 70 (sequence 22)
Language
German
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70 O 0 Q O Küch erschau gehe, die andere mit sl rachum wechamyi beginnt und bis zu Ende geführt werde. Hier gilt es — auch sonst noch, worüber weiter unten — den Grundsatz, mit welchem der Schulchan Aruch eingeleitet wird, zur Geltung zu bringen: „Besser wenig mit Andacht, als viel ohne Andacht" (5. 7{ f.). Und noch bedeutsamer tritt der fortschrittliche Geist des Verfassers in den beiden Konzessionen hervor, die er den Bedürfnissen der Zeit macht, nämlich hinsichtlich des Tischgebetes und 'des Achtzehngebetes. In beiden Fällen ist er, wo starke berufliche Inansxruchgenommenheit und Zeitmangel vorliegt — und wo ist das heute nicht der Fall — geneigt, die kurzen Fassungen „zu empfehlen und zur allgemeinen Einführung zu bringen"! (5. 69.) Berliner sagt: „Line noch kürzere Rezension (als die Maimonidische) bietet die Edition des Tischgebetes Venedig 1(603, worin es heißt: Um Rinder zu gewöhnen, wie auch für Erwachsene, welche viel beschäftigt sind, sei das kurze Tischgebet von Napthali Lohn mit Einwilligung vieler Gelehrten Italiens entworfen worden, da man doch immer bedenken möge,. daß es besser sei, weniger mit Andacht zu verrichten usw. — Möchte dies auch — ruft B. aus — in unserer Zeit beachtet werden, besonders, wo die erwachsene Jugend bald nach der Mittagstafel wieder zur Schule oder nach dem Tomptoir eilen muß!" (s. 68 f.) Das scheint mir in der Tat schon ein eigentliches Heraustreten aus den herkömmlichen, unfruchtbaren und wirklich „impotenten" Denkweisen unserer Neuorthodoxie zu sein und wenigstens ein Linlenken in die Bahnen einer gesunden historischen Entwicklung zu bedeuten, die bei aller Pietät für das Ueberkommene, und um das ewig Gediegene zu erhalten, auch den Forderungen der Vernunft und der Zeitlagen gerecht zu werden strebt. Freilich täuscht sich der Verfasser, wenn er meint, mit seinen im Grunde dürftigen Aenderungsvorschlägen etwas Durchgreifendes und wahrhaft Besserndes zu leisten. So lange unseren Gebildeten zugemutet wird, noch dazu an den markantesten Tagen und Stellen, uni Wiederherstellung des Vxferkults und Herbeiführung eines beschränktnationalen Messiastums zu beten, so lange wird vergeblich ihr Widerstreben gegen das Gebetbuch und gegen unseren Gottesdienst bekämpft werden. Der Verfasser hat eben das Moment * der Wahrhaftigkeit, das doch die Seele alles Gebetes sein muß, im Einblick auf die Ueberzeugungen der nachwachsenden Generationen nicht genügend berücksichtigt. Indes, wir wollen nicht weiter mit ihm richten. Wir wollen ihm gerne glauben, daß er der Devise der Wahrheit aus seinem Milieu heraus nach bestem Vermögen gerecht zu werden suchte. Wir wollen auch dankbar anerkennen, daß er den Mut hatte, Bresche zu legen in den Wahn der Neuorthodoxie, als ob von S. R. pirsch ab niemals mehr etwas in religiösen Dingen geändert werden dürfe. Wir wollen gern feststellen, daß wenn die Neuorthodoxie noch mehr Männer von dem Schlage Berliners zu den ihrigen zahlt, es auch in ihr zu tagen begonnen chat. * * * Nachschrift. S. 59 weist B. an einer Reihe von Beispielen — so schon an der Grundform der Benediktionen — nach, daß viele Gebete entweder wörtlich aus Bibelstellen hergestellt sind, oder in ihrer Zusammensetzung ihre direkte Anlehnung an den Inhalt oder die Sprache der heiligen Schrift zeigen. Das ist indes durchaus nichts Neues. Wer den Abudarham kennt, der weiß, daß fast jedes Wort und jede Wendung in den überlieferten Gebeten an biblische oder nachbiblische Redeweisen sich anlehnen. Ich führe indes gern die Bemerkung Berliners an, weil sie auch darin einen wohltuenden Gegensatz gegen die unfeine Art schauen läßt, mit der in dem erwähnten Hoffmann'schen Sendschreiben die Gebete im Gebetbuchentwurf des bad. Gberrats als „aus biblischen und nachbiblischen Phrasen zusammengestoxpelt" bezeichnet werden. Dr. M. Steckelmacher.

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