Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Nr. Goldmann: Zionismus oder Liberalismus? Die inneren Gründe, welche gegen eine solche Annahme sprechen, sind zunächst reim religionsphilosophischer Natur. Denn eine solche Wechselwirkung ergäbe für die Religion nur einen relativen Wert, sie besäße ihre Bedeutung nur für die Gruppe, mit der sie national verknüpft ist. Geht aber diese Gruppe zu Grunde, so ist auch die Religion dem Untergange geweiht. Line solche Religion muß sich auch ihrem ethischen Charakter und Werte nach ganz von selber an die Erfordernisse und Anschauungen der nationalen Grundlage halten, d. h. sie muß Nationaltugenden und Nationalfehler zu dem Range von ethischen Wahrheiten erheben oder letztere zum mindesten zu entschuldigen suchen. Jede Religion, welche unzertrennbar mit einer engen nationalen Einheit verbunden ist, muß folgende Eigenschaften besitzen: ihr Gottesbegriff muß vergänglich und veränderlich sein, gebildet und beeinflußt von den nationalen Idealen, und ihre Ethik besitzt keinen absoluten Wert, sondern nur einen relativen, denn die Ideen, deren Verwirklichung erstrebt wird, sind nicht absolut und positiv, nicht das Gute, nicht d i e Freiheit u. s. f., sondern sie sind zurechtgestutzt und modifiziert nach den Bedürfnissen des betreffenden Volkes. Eine solche nationale „Ethik" verdient natürlich weder nach religiös-dogmatischen, noch nach allgemein religionsphilosophischen Grundsätzen diese Bezeichnung, denn das in ihr schlummernde Nützlichkeitsprinzix läßt sich mit wahrer Sittlichkeit nicht vereinen. Derartige nationale Religionsgebilde finden sich im Altertum zu Hunderten, solche Religionen sind der Baalskult und jeder andere Götzendienst. Ihre Anschauungen von Gott und der Sittlichkeit sind unendlich mannigfach, ja sie widersprechen sich häufig, wie es sich bei der Verschiedenheit der nationalen Tugenden und Laster leicht erklären läßt. Wenn nun unsere Zionisten konsequent wären und weiterhin behaupteten, der jüdische Gottesbegriff und die Ethik feien nicht universal, sondern wahrhaft national, also eng beschränkt und von relativen! Werte, so wäre eine solche Religion zwar verwerflich, sie wäre, wie die späteren staatsrechtlichen Auseinandersetzungen zeigen werden, heute praktisch unmöglich, sie wäre unethisch und ein unendlicher Rückschritt gegen Christentum und Islam, aber sie wäre wenigstens konsequent und — losgelöst vom Rahmen moderner SLaatsverwaltungsgrnndsätze. — wäre es wenigstens denkbar, sich einen solchen Religionsstaat theoretisch vorzustellen, bei dem freilich ein Staatsuntergang zugleich einen solchen der Religion bedingt. Nun sind aber unsere Zionisten nicht so konsequent. Auch sie erkennen an, daß der Universalismus das Wertvolle im Gottesbegriff wie in der Ethik ist; darum wollen sie trotz ihrer sonstigen Anschauungen den Universalismus erhalten. Die Schwierigkeit besteht aber darin, daß jeder universalistische Gedanke schon so ipso den nationalen Rahmen sprengt. Der Universalismus des Gottesbegriffs bringt es mit sich, daß er sich auch anderen, außerhalb des nationalen Rahmens stehenden, mitteilt, und demgemäß den nur relativen Wert der Nation dokumentiert; der universalistische Gott muß Zeit und Ewigkeit überdauern, also auch die Nationen, sogar seine eigene! Der universale Gott einer universalen Ethik muß sogar seine Nation vernichten, wenn sie die Gebote dieser Ethik fortgesetzt verletzt. Hier sieht man deutlich die Fülle des Widerspruchs, wenn Gott zugleich national und universalistisch sein soll. Der universale Gott, der noch dazu die ethischen Grundsätze von der Nächstenliebe und der Gleichheit der Menschen zu seinen Forderungen erhebt, muß zum mindesten jeden nationalen Hochmut und jede Schranke, bei der nicht rein ethische Motive das trennende Moment darstellen, streng verdammen.