Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 192 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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192 O O 0-0 Nie Nürnberger Versammlung — Orffrntlichr Versammlung was wir später zu erörtern haben; aber bevor wir in die Tagesordnung eintreten, möchte ich bitten, hier oben am Tisch — soweit es noch nicht geschehen — ptatj zu nehmen: die Mitglieder des Vorstandes der Vereinigung, ferner Herrn Iustizrat Held, Frau Isabella Heim, Herrn Iustizrat Iosephtal, Herrn Kommerzienrat Gallinger und den hochverehrten Gast Herrn Rabbiner und Professor Dr. pirsch aus Lhicago, der die Liebenswürdigkeit gehabt hat, hierher zu eilen und uns nachher auseinandersetzen wird, wie es in Amerika mit dem Liberalismus des Judentums steht. Sie aber alle, meine Damen und Herren, die Sie hier versammelt sind, wollen Sie ein freundliches Ghr den Rednern gönnen, und wollen Sie getrost ihre Ausführungen in sich gufnehmen, auch wenn darunter manches vorkommt, worüber der eine oder andere von Ihnen anderer Meinung sein sollte, wie der Redner. Große Bewegungen werden nicht mit einem Schlag verwirklicht, es gilt die Geister zu erwecken. Das wollen Sie sich vor Augen halten. Iustizrat Selb. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Vorstandschaft Ihrer Vereinigung hat die Liebenswürdigkeit gehabt, zu Ihrer heutigen Tagung die Verwaltung der Kultusgemeinde Nürnberg einzuladen. <£s ist mir eine Ehre und eine Freude, namens dieser ^Körperschaft für die Aufmerksamkeit herzlichsten Dank aussxrechen zu dürfen. Gibt sie mir doch erwünschte Gelegenheit, eine Vereinigung von hervorragenden Männern im Namen unserer Gemeinde und innerhalb derselben Herzlich willkommen zu heißen und Sie aufrichtig zu begrüßen. Die Gemeinde an sich zwar — wenn sie auch wie die unserige auf eine liberale Vergangenheit zurückblickt — und Jahrzehnte hindurch in fortschrittlichem Geiste geleitet worden ist, — die Gemeinde an sich, ist ein neutraler Boden. <£s gilt von ihr, was gestern unser Herr Rabbiner von der Kanzel rühmte, von der er das Gottes-Ivort zu verkünden berufen ist; er sagte, daß die Kanzel hoch emporrage und erhaben sei, über das Gezänks der Tagesmeinungen. Das Gleiche gilt von der Gemeinde. Als solche steht sie jenseits aller Parteiungen und über allen Parteiungen, sie umfaßt gleichmäßig alle Bekenner des israelitischen Glaubens, — ohne Rücksichtnahme auf die Schattierung und Nüancierung der einzelnen Anschauungen. Aber das darf die Gemeinde nicht hindern und beirren, auch eine Versammlung von ausgeprägter parteitendenz in ihren Mauern willkommen zu heißen und zu begrüßen; nicht wegen der parteirichtung als solcher — mit ihr hat die Gemeinde nichts zu tun — wohl aber wegen ihrer hervorleuchtenden Führer und deren vorbildlicher Treue für das Judentum, wegen ihres freudigen Bekenntnisses zum Judentum, und wegen des Segens, der von ihrer rührigen propagandistischen Tätigkeit für die Gesamtheit des Judentums zweifellos ausgeströmt und ausgegangen ist. Darum ist es nach meinem Dafürhalten Recht und Pflicht, wenn die Gemeinde Nürnberg heute dieser Vereinigung rühmend gedenkt, sie auf's freudigste willkommen heißt. Denn, meine sehr verehrten Damen und Herren, das dürfen wir uns nicht verhehlen, mag man zu den Bestrebungen der liberalen Vereinigung des Judentums in Deutschland sich freundlich öder feindlich stellen, mag man ihr beipflichten oder trennende Gesichtspunkte hervorkehren und hervorheben, das eine darf wohl von allen Seiten und muß von allen Seiten anerkannt werden: in einer Zeit, wo die Lässigkeit und Lauheit gegenüber den Fragen des jüdischen Lebens eine gewaltige Ausdehnung gewonnen, in einer Periode, wo Entfremdung und Abkehr vom jüdischen Gemeindeleben in weiten Kreisen