Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Oberelles Judentum Ulonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion van Dr. Caetar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. M. No. 8 und 9. Jahrgang 2. Nugutt u. Septbr. 1910. Die Nürnberger Versammlung. i. predigt gehalten van Rabbiner Dr. freudenthal heim feftgottesdienfte in Nürnberg am Sabbat, den 4. Juni 1910. VCl. A! vor unseren verwunderten Blicken Hat der Toraab schnitt dieses Sabbats, der erste des vierten Buches Moses, in wuchtigen Kolonnen die Tausende und Abertausende der waffenfähigen Mannen Israels vorüberschreiten lassen, die in der wüste -gemustert worden waren, und aus so erstaunlichem Bilde der Vergangenheit versetzte das anschließend verlesene jDrophetenwort (Hosea 2, l) uns in das noch erstaunlichere Bild der Zukunft, indem es verhieß, daß dann Israels Scharen überhaupt nicht mehr zu mustern und zu messen, sondern zahllos sein würden wie der Sand am Meere. Wir Israeliten von heute schauen vom festen Boden der Tatsachen der Gegenwart mit recht skeptischem Sinne auf diese kühnen Schilderungen glanzvoller Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft, wir wissen zu gut, daß unser Volk an .Z a h l allezeit — auch in der Urzeit — geringfügig und unbedeutend gewesen ist, und seine geschichtliche Entwicklung seitdem gibt uns am allerwenigsten Grund zur Annahme, daß das fernerhin je anders würde, wir wissen aber ebensogut, daß es trotzdem Großes und Unvergleichliches für die Menschheit geleistet hat, und daß auch für die kommenden Jahrhunderte seine Bedeutung und deren allgemeine Anerkennung nicht im geringsten von der Zahl, als vielmehr vom Geiste seiner Bekenner abhängen wird. Nicht diejenigen Worte der propehtischen Verheißung von heute finden starken Widerhall in unseren Kerzen, die von Israels äußerer Stärke träumen und es im Spiegel der Zukunft an Zahl vergrößert, ja unmeßbar wie den Sand am Meere schauen, sondern die anderen, die der Orophet unmittelbar anschließt: „Dann wird es geschehen, anstatt daß man von ihnen sagt:Ihrseidnichtmeinvolk, wird man sie nennen: Rinder des lebendigen Gotres." Denn das ist unser ganzes Streben, unser heiligstes und reinstes Wollen: zu bekunden, daß wir Rinder des lebendigen Gottes sind, und daß wir diesen Ehrennamen auch ehrlich und redlich verdienen, und wo und wann auch immer Israeliten, gleichgiltig ob in großer oder ge-