Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberales Judentum ITlonatsfchrift für die religiösen Infereffen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. Ul. Ho. 4. Jahrgang 2. April 1910. Die Gciftenzberechtigung des liberalen Judentums. Von Dr. 1 Goldlchmidt-Offenbach a. M. s gibt zwei verschiedene historische Betrachtungsweisen, die synthetische und die analytische. Der Idealist ist meistens Synthetiker. <Lr liebt die deduktive Methode. Tr geht gern von dem Prinzip aus und steigt von diesem zur Wirklichkeit herab, wenn aber die Verbindung zwischen dem apriorischen Prinzip und der Wirklichkeit unterbrochen ist? Dann stellen sich die „Postulats" ein, die gravitätisch einherschreiten, aber doch die unterbrochene Verbindung selten Herstellen können. Der Realist ist Analytiker. Tr liebt die Induktive. Er geht von der Wirklichkeit aus und steigt zu Prinzipien empor. Er ist nie der „Baumeister Solneß", der höher baut, als er steigen kann. Im Folgenden wollen wir in den Fußtapfen, des Analytikers, des Realisten, wandeln. Auch der Traum Jakobs huldigte der analytischen Methode: die Leiter, deren Spitze in den Fimmel.ragte, stand...auf d e r Trde. Das Judentum unserer Zeit befindet sich in einer großen Krisis. In Deutschland und irr allen Kulturstaaten ist das Judentum eine Buchreligion geworden, von welcher das Leben sich losgesagt hat. Das ist keine Linzelansicht, sondern offenkundige Wirklichkeit. Das ganze Mittelalter hindurch haben die größten Geister des Judentums daran gearbeitet, einerseits die rechte Glaubenslehre, andererseits die rechten Religionsgesetze fürs Leben und den Gottesdienst festzustellen. Die Quelle, für diese Feststellung waren die alten Überlieferungen im biblisch-talmudischen Schrifttum. Wenn irgend eine Form der Glaubenslehre aus Bibel und Talmud und dem damit zusammenhängenden Schrifttums nachgewiesen wurde, wurde sie zum Dogma, dem das Denken sich zu fügen hatte, und wenn irgend eine Form der religiösen Betätigung in dem biblisch-talmudischen Schrifttum sich aufspüren und Nachweisen ließ, so war damit ein Religionsgesetz für das Leben gegeben? — Die Bekenner des Judentums nahmen diese immer mehr sich differenzierenden Glaubens- und Lebensformen mit Liebe ünd Begeisterung entgegen. Man hatte keinen innigeren Wunsch, keine brennendere Sehnsucht, als genau nach der Anweisung der heiligen Schriften und Ueberlieferungen, welche man als die unmittelbare authentischste Aeußerung des göttlichen Willens verehrte, sein Denken und sein Leben einzurichten. Freiheit im Denken und handeln, Autonomie bezog man nur auf die Fähig-