Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. David Khilipssn: Are Rrfsrwbewrgung im Judentum 35 jedes Verbrechen auf Erden erhoben hat, ob es nun gegen die orthodoxen Armenier oder gegen die russischen Juden, gegen das Volk von Neapel oder gegen die Neger am Kongo verübt worden war. Man denke gegenüber alle dem nur an die stumme Gleichgültigkeit, mit der die protestantische Kirche Deutschlands dem Despotismus und der Leibeigenschaft immer zugeschaut hat. Ueberhaupt erstreckt sich das soziale Bewußtsein, das diese Neligiosität auszeichnet, — die evangelisch-soziale Bewegung in Deutschland hat von dort erst ihren Schwung erhalten — zu weitem, sittlichen Horizont; er ist heute z. B. in dem Eifer für die große Friedensbewegung zu erkennen. Messianische Gedanken wirken darin mit lebendiger Kraft, und sie können dem, der es in der Geschichte des Judentums noch nicht beobachtet hat, zeigen, wie eng der Zusammenhang ist zwischen dem Gottesgesetz und diesen prophetischen Ideen, die an eine fortschreitende Verwirklichung der Sittlichkeit glauben lehren. Die Frömmigkeit ist dort wie hier messianisch, weil sie gesetzlich ist. In diesem Doppelten, dem ähnlichen Schicksalslauf und dem gesetzlichen Zug, ist die Verwandschaft zwischen dem Judentum und den freien Kirchen Englands begründet. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß daneben die trennende Verschiedenheit steht mit ihren wesentlichen, bestimmenden Gegensätzen, wie die Ghristologie, die prädeftinationslehre und andere Widersprüche des Glaubens. Aber es verlohnt sich doch, die inneren Zusammenhänge aufzusuchen und in dem Verbindenden das Eigentümliche, die alten Gedanken, die fortwirken und neu werden, zu erfassen. Die vergleichende Religionsgeschichte darf sich nicht auf die Ergründung des Gewesenen beschränken, sie muß ebenso sehr die Glaubensformen, die wir lebendig vor uns sehen können, betrachten. Dies sollte weit mehr geschehen. Nicht zum mindesten das Judentum würde dann besser begriffen werden und sich selber auch besser begreifen. Oie Keformbemegung im Judentum. Von Dr. Daoid Philiplon, übersetzt von Dr. riorden-0berfeld. enn nun aber auch die Bewegung, welche diesen Lehren praktischen Ausdruck verliehen hat, in erster Linie religiöser Natur ist, so kann sie dennoch nicht völlig verstanden werden, wenn rnan sie nicht im Zusammenhang mit andern Erscheinungen im Leben der Juden betrachtet. Denn sie bedingte nicht nur eine Veränderung der religiösen Anschauungen, sondern auch eine neue Auffassung von den Bestrebungen der jüdischen Gemeinden auf dem Gebiete der Erziehung, der Literatur, der Kultur und der Politik. Keine derartige religiöse Bewegung tritt urplötzlich auf13); sie ist vielmehr das Ergebnis vorhergegangener Ursachen. In unserem Falle waren es drei unmittelbare Ursachen: Erstens die neuen geistigen Bewegungen unter den Juden nach Methoden, die von den alten verschieden 13) & Bernfeld, Toldot ha-reformation liadatifc be-Israel I 6 ff. Krakau 1900. (Fortsetzung.) waren.^) Zweitens die sprachliche Emanzipation — wenn ich die Aneignung einer reinen Sprache seitens der Juden so bezeichnen darf — mittelst der Mendelssohnschen Pentateuch - Uebersetzung. Diese reine Sprache verdrängte den Jargon und setzte die Juden in den Stand, an dem bemerkenswerten literarischen Erwachen Deutschlands im letzten viertel des (8. Jahrhunderts teilzunehmen und die Bildung der damaligen Zeit zu erwerben1^). Drittens endlich die bürgerliche Emanzipation, welche mit dem Gesetz der französischen Nationalversammlung vom 27. September das die 14) Jost, Geschichte des Judentums und seiner Sekten, III, 317. Holdheim G. I N- G. B., 23, Berlin, 1857. M. Lewin, Die Reform des Judentums, 19, Berlin 1895. i^) Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, 14. Geigers wiffenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie, V, 7. Holdheim, G. I. R. G. B. 14. S. Stern, Geschichte des Judentums, 184; Breslau 1870.