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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 23

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Rundschau 28 Bielefeld, 50. November O09. Am 23. November fand in Bielefeld eine Versammlung der Ortsgruppe der „Vereinigung Für das liberale Judentum in Deutschland" statt, die sehr stark besucht war. Herr Zustizrat Dr. Auerbach- Frankfurt a. Rl. sprach über: „Religiöse Reform im Zudentum". Der Vortrag fand lebhaften Beifall und führte der Vereinigung wieder neue Mitglieder zu. Landslreeg a. M., im Dezember *909. 3m Verein für jüd. Geschichte und Literatur hielt am 29. Nov. d. Z. Herr Rabbiner Dr. Kälter aus Danzig einen fesselnden Vortrag über „Das liberale Judentum". Der Redner führte nach einem geschichtlichen Rückblick aus, wie der Fluß der religiösen Entwicklung des Zudentums durch den Schulchan- Aruch aufgehoben wurde, und wie das starre Festhalten an den Buchstaben jeden Fortschritt hemmte. 3™ Ghetto hatte der 3ude den Widerspruch zwischen den Anforderungen des Lebens und den Forderungen des Religionsgesetzes nicht empfunden. Durch die Abgeschlossenheit von der umgebenden Kulturwelt ward die Einheitlichkeit der Lebensauffassung und Lebenshaltung gewahrt. Mit dem Hinaustreten aus dem Ghetto ist durch die Berührung mit der andersgearteten Kultur und durch die veränderten Lebensbedingungen unwillkürlich eine Disharmonie und eine Kluft zwischen Lehre und Leben entstanden, wodurch weite Kreise dem Zudentum entfremdet wurden. Lauheit und Zndifferentismus nahm überhand, viele streiften alle religiöse Formen ab, oder wandten dem Zudentum, das ihnen keine Befriedigung und keinen £>alt geboten, den Rücken. Gegen diese traurigen Zustände will das liberale 3udentum ankämpfen und hofft Wandel zu schaffen. Nicht wende sich das liberale Zudentum gegen die ehrliche und aufrichtige Orthodoxie,die zu allen Opfern sich bereit findet, um dem Religionsgesetz zu genügen, aber es beanspruche, daß seine Bestrebungen zum Heile und zur Erhaltung des Väterbundes auch von gegnerischer Seite ernst genommen und gewürdigt werden sollten. Das liberale Zudentum, das allein die Zukunft für sich habe, tritt für eine gesunde, organische Fortentwicklung ein, will die Väterreligion so weit, so frei, so licht ausbauen, daß jeder darin Raum haben könne, daß jeder seine Lebens- und Weltanschauung von allen dogmatischen Fesseln frei nach den Ergebnissen der Wissenschaft gestalten könne. Dabei aber soll nicht versäumt werden, den Bedürfnissen der religiösen Gemüter Rechnung zu tragen, was das religiöse Gefühl zu wecken und beleben geeignet ist, soll weiter gepflegt und ausgebaut werden, damit der lebendige Gottesglaube einziehe und Wurzel fasse in den verödeten Herzen und Gemütern. Reicher Beifall -lohnte die mit Wärme und Begeisterung vorgetragenen Ausführungen des Redners. Nach einer kurzen Diskussion, in welcher der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Elsaß, sich ganz mit dem Referenten einverstanden erklärte und darauf hinwies, wie er stets im Geiste und im Sinne des liberalen Zudentums sein Amt verwaltet, erklärten eine Reihe von Mitgliedern ihren Beitritt zur Vereinigung des liberalen Zudentums. _ Uerjammlungsbericht aus Oppeln. Am Sonntag, l9- Dez., fand die konstituierende Sitzung der Ortsgruppe Oppeln statt, welche von etwa sechzig Damen und Herren besucht war. Die Wahl des Vorstandes wurde auf eine demnächst stattfindende geschäftliche Sitzung verschoben und Herr Rabbiner Dr. Goldmann mit der vorläufigen Geschäftsführung betraut. Herr Dr. Goldmann referierte darauf über die religiöse Erziehung der Zugend im liberalen Sinne, und entwickelte dabei die Bestrebungen und das Programm der Vereinigung. Zu der darauf folgenden Diskussion wurde von zwei Seiten der Mangel an Radikalismus beklagt, der zur Unklarheit des Programms geführt habe. Neben dem Referenten erwiderte vornehmlich Sanitätsrat Dr. Schlesinger mit überzeugenden Argumenten, welche den Beifall fast aller Versammelten fanden. Es traten viele neue Mitglieder der Ortsgruppe bei.

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