Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Pr. Mar Wiener: Ceremsmell und Sittlichkeit kei Paulus o o o o bis zu dem sie alle umfassenden der Nächstenliebe fallen unter den Bereich des „Gesetzes". Die christliche Kritik hat das „Judentum" in einen Gegensatz zu der „israelitischen" Religion der Propheten gestellt und ihm den bösen Vorwurf gemacht, es wisse zwischen Ritus und Moral nicht zu scheiden, beide gälten ihm als gleichwertig und gleichwichtig. Ueber das Recht zu einem solchen Urteil sei hier einmal nichts ausgemacht. Aber die gewisseste Sache von der Weit ist, daß die Polemik des Paulus und der von seiner lveltanschauung inspirierten Theologen in jenen angeblichen Fehler des „Judentums" verfällt: diese Kritik verwischt wirklich die Grenze zwischen Kultus und Moral. Die Gebiete von Sittlichkeit und Ritus werden nivelliert, indem sie beide als gleich null und nichtig in den Augen Gottes erklärt, beide als bedeutungslos gekennzeichnet werden für das Verhältnis des Menschen zur Gottheit. Um es noch einmal mit aller Entschiedenheit zu betonen: die Sittlichkeit, die aus dem Selbst des Menschen geborene Kraft zur eigenen guten Tat, kann natürlich auch von Paulus nicht übersehen oder gering gewertet werden. Aber aus dem Zentrum der Frömmigkeit wird sie verbannt, was Religion zur Religion macht, was ihr ein eigenes Herz, eine selbständige Seele gibt, das ist bei Paulus etwas grundsätzlich anderes: das ist die Eingebung in die dargebotene Erlösung. Mit dieser These zerschneidet Paulus das Band, welches noch mit dem Judentum geknüpft war; er bricht vollends die Brücke zur Lehre der größten Propheten ab. Denn den Amos, Hosea, Jesaja Zeremia galt als das Rückgrat der wahren Religion das rechte gottgewollte Verhalten von Mensch gegen Mensch. Za, das ist gerade das Neue, das Revolutionäre an diesen Männern, daß sie gegen Mpfer und Dpferkultus eifern. Das heißt aber, daß sie eine Religiosität verwerfen, welcher die Beziehung von Mensch zu Gott so schwer, wo nicht schwerer wiegt, als das verhalten der Menschen gegeneinander. Dem Gott der Propheten ist es wichtige, ja einzige Angelegenheit, die Sittlichkeit seiner Gläubigen unmittelbar zu fördern. Und darum offenbart er ihnen das sittliche Gesetz. Der Gott des Theologen Paulus hat das Amt, die Menschen zu erlösen. Freilich will er sie nur darum erlösen, weil die vorausgesetzte Ghnmacht des Fleisches sie eines moralischen Eigenlebens hoffnungslos beraubt hat. Denn der Erlösung korrespondiert der Gedanke der Erbsünde. Darum sind es gewiß ethische Motive, welche zur Erlösungslehre den Anstoß geben; das „Religiöse" in der Religion ist auf ethischem Grunde verankert. Nur fragt es sich, ob die Sittlichkeit von der Sünde allein leben kann, da man dem menschlichen Selbst zu ihrer Ueberwindung nicht Luft noch Licht gönnen mag. Es entsteht das schwere Bedenken, ob diese nur um theologische Rücksichten bekümmerte Psychologie nicht die Sittlichkeit von Haus aus verdirbt, indem sie keinen brauchbaren Begriff von der sittlichen Persönlichkeit aufkommen läßt.