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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 15 (1909) · p. Seite 343

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
15 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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o o o o Air freie indische Vereinigung 343 gemacht wird. In Wahrheit hat aber die Liberale Vereinigung nur einen Fehler und zwar den des Liberalismus, zu vornehm und zu rücksichtsvoll zu sein; die Liberale Vereinigung hat den einen Fehler, sich vor der Orthodoxie respektvoll zu verbeugen, den einen Fehler, daß sie noch immer gleichsam bittet, dem Fortschritt das Recht der Existenz zu gewähren. Gutwillig aber hat nie die Orthodoxie gewährt und wird sie nie auch nur einen zollbreit Boden dem Liberalismus gewähren. Die Freie jüdische Vereinigung will trotz des Wortes „frei" in ihrem Namen eine orthodoxe Partei sein, und Raphael Samson Hirsch hätte, abgesehen von dem einen Satz, der sich gegen die separatistische Orthodoxie wendet, diesen Aufruf unterschreiben können, wenn er, was bei ihm nicht der Fall war, auf Tiefe der Gedanken verzichtet hätte. Gedanken sind doch z. B. sicherlich nicht hinter dem Satze verborgen, daß „nicht Willkür, sondern Treue, nicht Niederreißen, sondern Aufbauen, nicht Trennung, sondern Verbindung in unserer Zeit uns helfen kann". Solche nichtssagende Antithesen, hinter denen kein wirkliches ausgesprochenes Programm steht, sind ein leeres Gaukelspiel. welche Partei will nicht aufbauen, verbinden und schaffen? Jede Partei will noch mehr, sie will die Geister befreien, die Herzen beglücken, sie will Widersprüche lösen, sie will das Leben harmonisch gestalten usw. usw. wir stellen den Verfassern des Aufrufes gerne noch einige Dutzend neue Antithesen gratis zur Verfügung. Die Liberale Vereinigung sucht auch Widersprüche zu lösen, sie gesteht aber offen zu, den Widerspruch im Aufrufe der Freien Vereinigung nicht lösen zu können, denn er ist für jeden unlösbar. Es soll gleich erklärt werden, warum er unlösbar erscheint. „Auf der einen Seite," heißt es tadelnd im Aufruf, „haben sich die Vertreter der strengsten Observanz verbunden, welche die Anwendung des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stellen und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweisen." Demgemäß müßte die Freie Vereinigung fordern, daß die geschichtliche Entwicklung in alter und neuer Zeit anerkannt werde und daß Zugeständnisse an die moderne Zeit gemacht werden. Statt dessen heißt es jedoch: „wir wollen die Autorität der Quellenschriften unserer Religion nicht erschüttern und nicht zum Spielball jeder modernen Strömung machen lassen." Also keine Anwendung des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung und keine Zugeständnisse an die moderne Zeit, der Schulchan-Aruch bleibt unerschütterliche Autorität. Dann wieder „wollen wir uns jedoch auch den Ansprüchen der Zeit nicht verschließen, soweit diese dem Wesen unseres Bekenntnisses nicht widersprechen." Wie sich dadurch die Freie Vereinigung von der Orthodoxie unterscheidet, ist nicht zu ersehen. Klar ist nur, daß die Freie Vereinigung orthodox sein, aber nicht orthodox scheinen will, weil sie sich des Namens „orthodox" schämt, darum die Widersprüche im Aufruf. Die Freie Vereinigung schämt sich orthodox zu heißen, was ja, nebenbei bemerkt, einen Triumph des Liberalismus bedeutet. Unter der Flagge des Freisinns erklärt sie dem Freisinn den Urieg, wie sie unter der Flagge des Friedens und der Versöhnung zum Kampfe auffordert, wie sie, über Abraham Geiger, ohne ihn zu nennen, den Stab bricht, mit Geiger wieder, ohne ihn zu nennen, auf Grundlage „sorgfältigster historischer wissenschaftlicher Forschung religiöse Entscheidungen treffen will". Ueber einige unklare und verschwommene Wendungen im Aufruf sei milde ge-

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