Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Ar. F. Kaeck: Jüdische Kultur 0 o o o Jüdifdie Kultur. Von Dr. £. Baeck-Dürfeldorf. as Mittelalter bietet wie das Bild einer christlichen, so das einer jüdischen Kultur. Aber der Grund, der die eine und der die andere entstehen ließ, ist ein durchaus verschiedener. Während jene aus dem Streben nach Expansion hervorging, daraus, daß die Religion alle Lebensgebiete in den Kreis ihres Einflusses zu ziehen suchte und vermochte, zeigt sich in der jüdischen Kultur das Ergebnis einer Begrenzung. In einer Zeit, in der die herrschenden Gewalten den Juden von allem abzusperren sich bemühten, blieb die Religion das einzige Gebiet, wo er souverän sein konnte, Hier nur konnte er seine Persönlichkeit in ihrem Wunsche, sich zu betätigen, ungehemmt entfalten. Nicht jener Drang, den Machtbereich der Religion über alles auszudehnen, kommt so in der jüdischen Kultur zum Ausdruck, sondern der starke seelische Selbsterhaltungstrieb, dort, wo man allein frei sein durfte, sich tief auszuleben, das Eigene, das man hatte, ganz zu durchdringen. Die christliche Kultur war extensiv, und sie hat darin eine eindrucksvolle Weite gewonnen; die jüdische Kultur war intensiv, und ihre Bedeutung liegt in ihrer sich selbst genügenden Kraft. Line religiöse Energie ist so für das jüdische Leben im Mittelalter bezeichnend. Sie konnte sich um so entschiedener entwickeln, da ihr ein bestimmender Zug des Judentums entgegenkam — des Judentums, nicht der Juden in dem Sinne etwa, wie z. B. Goethe meinte, daß „in ihrem Wesen Energie der Grund von allem sei." Es ist der israelitischen Religion wesentlich, daß sie den Willen zur Tat, die Treue gegen das Gebot stark betont und ihn zum Merkmal der Frömmigkeit macht. Was als religiöse Forderung feststeht, wird von allen verlangt, nicht bloß von einzelnen, die darin die anderen vertreten sollen. Die vita religiosa, die religiöse Kultur soll von allen getragen werden, die lebendige religiöse Kraft allen zugehören. Noch ein anderes diente damals dieser Energie: die grübelnde Gewissenspein des Mittelalters, die für das Unglück, das nur zu oft hereinbrach, eine Erklärung suchte und sie, nach der Art der Freunde Hiobs, in Sünden fand, die die Vergangenheit belasteten. Diese vermeintlichen Sünden sollte dann jeder Tag sühnen, immer inniger sollte das persönliche Leben zu jeder Zeit von Handlungen durchdrungen werden, die der religiöse Gedanke schuf. So war es die alte Auffassung im Judentum, daß die Versöhnung und Erlösung auf das stetige Tun des Menschen, auf seine Tatkraft gegründet wird. Man empfand das als besonderes Eigentum, als Gegensatz zu der Lehre, die in der Erlösung ein übernatürliches Geschehen sucht, dessen Wirkungen geheimnisvoll dem Menschen zu teil werden, — einer Lehre, die leicht dazu kommen kann, den Tatwillen zu beschwichtigen, wie Tolstoi es einmal sagt: „Man tut, was inan will — und läßt sich erlösen." Dies ist so der Lharakter jener jüdischen Kultur: Sie will es dem Menschen geben, sich in der Religion auszuleben, sie will sein persönliches und häusliches Leben mit der Religion bis ins Kleine und bisweilen Kleinliche durchdringen. Das gab sie ganz, aber sie beanspruchte nicht, mehr zu sein. Sie gewährte darum jeder weltlichen Kultur ihr uneingeschränktes Recht. Alles, was an neuer Wissenschaft in das Ghetto eindringen konnte, fand dort offenen Sinn und rasche Aufnahme. Das Bezeichnendste ist, wie das kopernikanische System in der Kirche und wie es im Kreise des Judentums empfangen wurde. Auch das wurde als eine Ligentüm-