Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 11 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126494--0258-3127030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oberales Judentum JTlonafsfchriff für die religiösen Intereffen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutfdiland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. IR. No. 11. Jahrgang 1. 1909. Der liberale Gedanke und der Gnfrourf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüdischen Gemeinden Preußens. Von Rechtsanwalt Dr. Brauer- Ratibor. s verlohnt, an dieser Stelle die Verhandlungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindetages über den ihm vorgelegten Drganisationsentwurf vom Standpunkt des Liberalismus zu betrachten, der doch der Grundgedanke unserer Bewegung ist. Es erscheint eine solche Betrachtung um so angebrachter, als der Entwurf gerade von liberalen Gesichtspunkten aus auf dem Gemeindetage kritisch gewürdigt und bekämpft worden ist. Dabei waren aber die Wortführer selbst nicht immer liberale Männer. Am markantesten trat in die Erscheinung, vom Gesichtspunkt des Liberalismus aus, die Stellungnahme eines hannoverschen Rabbiners zum Entwurf. Denn er sprach es so deutlich als möglich aus: „Der Entwurf ist nicht liberal. Denn liberal sein heißt gerecht sein, nicht nur gegen sich, sondern auch gegen andere." Nach Auffassung dieses und vieler anderer Redner sollte der Entwurf nicht liberal sein, weil er die Gerechtigkeit vermissen lasse, vor allem die Gerechtigkeit gegen die Rabbiner, denen im Entwurf das Vetorecht nicht zugestanden ist. würden wir untrüglich feststellen können, was „Gerechtigkeit" ist, wir würden sofort die Antwort auf die Frage haben, ob der Entwurf aus den geltend gemachten Gründen nicht liberal ist. Es ist nur leider sehr schwer, zu sagen, was Gerechtigkeit ist. Insofern liegt aber der Folgerung des gedachten Redners ein richtiger Gedanke zu Grunde, als die liberale Richtung Betätigung des Gerechtigkeitssinnes fordert. Denn das ist ja der Kern des Liberalismus, daß er dem Einzelnen für die Entwickelung seiner Kräfte Raum schafft, daß er dem Betätigungstrieb des Einzelnen gerecht zu werden sich bemüht. Aber die Voraussetzungen, die jenen Redner zu seinen Schlußfolgerungen berechtigen würden, liegen denn doch nach unserer Ansicht nicht vor. Denn der Liberalismus offenbart darin sein Wesen, und insofern ist er gerecht, daß er der Allgemeinheit dienen will. Das ist es aber, was von jener Seite verkannt worden ist. Gewiß hat der Rabbiner Anspruch auf gerechte Würdigung seines Standesinteresses, seiner ganzen Stellung.