Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 10 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberaus Judentum JTlonafsfchriff für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Oeutkdiiand unter der Redaktion von vr. Laetar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. M. Ho. 10. Jahrgang 1. 1909. Die Stellung der Rabbiner im neuen Organifationsentrourf. Von Rabbiner Dr. Seligmann-frankfurt a. JTl. er Kampf ums Recht ist eine sittliche Forderung. Zumal wo es sich um das Recht des Standes handelt. Man kann für sich selbst bescheiden sein, aber nicht für seine Stellung. „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre", und nichtswürdig der Stand, der nicht alles setzt an sein Recht. Im Kampf ums Recht werden die starken Persönlichkeiten und die großen sittlichen Güter der Menschheit geboren. Auf dem elften Deutsch-Israelitischen Gemeindetag zu Berlin kämpften die deutschen Rabbiner um ihr Recht und ihre Würde. Es ist kein würdiger und kein Rechtszuftand, wenn § 66 des Gesetzentwurfs bestimmt: Die Rabbiner werden (nach dreijähriger Probezeit) auf mindestens zwölf Jahre angestellt. Sechs Monate vor Ablauf der Dienstzeit kann Kündigung erfolgen. Die Anstellung kann auch auf Lebenszeit erfolgen. Entspricht es dem Rechtsgefühl und der Würde des Rabbinerstandes, wenn die Rabbiner allein unter den Geistlichen aller Konfessionen von der Willkür der Gemeindeverwaltung abhängen, indem ihre Stellung gesetzlich als kündbar festgelegt wird? — Warum hat der Staat in sittlicher Selbstbeschränkung Richtern, Geistlichen und Lehrern eine definitive Stellung gegeben? Weil der Staat, wo es um die Vertretung der höchsten Güter geht, aufrechter Persönlichkeiten bedarf, die unbeeinflußt von Menschenfurcht und persönlicher Rücksichtnahme, für Gerechtigkeit, Wahrheit und Sittlichkeit eintreten. In einem neueren Theaterstück tritt ein j)robekandidat als Lehrer der Naturwissenschaft auf. Lin aufrechter, prachtvoller Mann voll Stolz und wahrhaftigkeit. Dem Direktor und geistlichen Schulinspektor aber ist er nicht kirchlich genug. Da setzen sich tausend offene und versteckte, zarte und gewaltsame Einflüsse in Bewegung, den Mann zu beugen. Seine Existenz, sein Lebensglück stehen auf dem Spiel. Zermürbt von all den Seelenkämxfen steht er im Begriff nachzugeben. Er soll den Primanern die Schöpfungsgeschichte nach der naiven biblischen Darstellung als naturwissenschaftliche Wahrheit lehren. Er versuchts. Da bricht, angesichts seiner Klasse, mit elementarer Kraft der wahrheitsmut des Mannes durch. Er zerreißt das Netz von Lüge, in das man ihn eingeschnürt hat. Seine Zukunft hat er zerstört, aber draußen ziehen seine pri-