Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Köhler: Aas Reformjudentnm und dir deutsche Iudenheit 195 muß von frischem Leben strotzen, soll sie die Herzen erobern. Da kam die Wissenschaft, die tief eindringende geschichtliche Forschung und wehte den Moderstaub von den alten Folianten und zeigte, daß das Judentum nicht etwa eine Mumie sei, die in der frischen Freiheitslust zerbröckelt, sondern daß gesundes Leben in seinen Adern pulsiere, daß es ewig mit jedem Umschwung der Zeiten seine Formen gewechselt habe und mit jeder neuen Epoche sich verjüngen müsse. Nicht Zunz, der mit seiner Wissenschaft im Ul ittelalter stecken geblieben, sondern Abraham Geiger, der mit seiner Fackel in's Leben der Gegenwart hineingeleuchtet, er ward der Bahnbrecher, der Fahnenträger der Reform, um den sich all die Führer scharten. Gr zeigte zuerst, und die Halbreformer der sogenanntenhistorischen 'Richtung Frankels folgten ihm eine Zeit so gut wie die Radikalen, — daß das Judentum viele Entwicklungsstufen durchgemacht, daß es statt fix und fertig vom Himmel herabgekommen zu sein, unter den verschiedenen geschichtlichen Lebensbedingungen sich stets anders entfaltet habe, daß es also zur Zeit Moses' und Zesaias sich anders gestalten mußte als zur Zeit Hillels und Akibas und daher auch, um unsren heutigen Geistesbestrebungen zu entsprechen, eine andere Gestaltung erfahren muß, als es im Mittelalter hatte. Damit war der aus dem Geist des Jahrhunderts hervorkeimende fruchtbare Gedanke der geschichtlichen Fortentwicklung auch fürs Judentum ausgesprochen. was tats nun, ob die und jene Zeremonie, ob die rabbinischmosaischen Speise- und Reinheitsgesetze oder die drückenden Sabbatverbote vom heutigen Zuden unberücksichtigt blieben, der Kern, der lebendige Geist, das Wesen des Judentums, wie es bereits in der an Abraham gewordenen Sendung zum Ausdruck kam, die reine Gottesidee und die auf Gerechtigkeit fußende Ethik der Menschheit zur Geltung zu bringen, war ihm wieder zum Bewußtsein gekommen. Das Judentum war wiederum aus seiner engen nationalen Beschränkung zur Höhe der prophetischen Weltreligion erhoben und in ein erkaltetes, der Mutter entfremdetes Geschlecht, das für den ganzen Antiquitätenkram der Stubengelehrten vom Schlage Zunz's kein Verständnis hatte, wurde mit einer Begeisterung erfüllt, die wie das Frühlingswehen einer neuen Zeit alle anmutete, was auch die junge Reform in ihrer Sturm- und Drangperiode an Maßlosigkeiten und Mißgriffen verschuldet hat, sie hat unleugbar den freisinnigen Juden mit stolzem Selbstbewußtsein durchhaucht und das Judentum im Gegensatz zur Kirche als Religion des Lichts und der Menschheitszukunft hingestellt. Sie hat den ehemaligen Massentaufen Einhalt geboten, und darum den Haß der Regierungen sich zugezogen, die überall die starre Orthodoxie gegenüber den sogenannten Neologen unterstützten. Leider hat die politische Reaktion seit \8^8 auch den religiösen Aufschwung des deutschen Judentums erstickt. Eine Vermittlungstheologie der Halbheit und der Heuchelei wurde tonangebend, die, aller zündenden Begeisterungs- und Schwungkraft, alles prophetischen Geistesflugs und weiten geschichtlichen Umblicks ermangelnd, den Fortschritt lahmlegte. Buchstaben zählende, Worte düftelnde Weisheit wurde als jüdische Wissenschaft ausgegeben; Gräber wurden übertüncht, aber für die großen geschichtlichen Lebensmächte des jüdischen Genius verlor man den Sinn, und die Folge davon war, daß sich der großen Zudenheit jener traurige Zndifferentismus bemächtigte, der mit seiner eisigen Kälte alles in einen Winterschlaf versetzte, aus dem erst die Iudenhetzen und die Massentaufen die