Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ßberales Judentum Ulonatsfchriff für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. M. Ho. 8. Jahrgang 1. 1909. Zum Pefachfefte Von Dr. C. Seligmann. ‘Y^urt wandere ich durch Sturmnacht mit unbesiegbarem Lebensmut meinen einsamen Schicksalsweg an die zweitausend Jahre schon. Und meiner Wunden Balsam, mein Morgenlicht, meines Lebens schimmernde Schönheit war meiner Väter Gott. An jedem Sederabend saß ich nieder beim altväterlich heiligen Mahle und sang aus bangjubelnder Seele mein schmerzgewaltiges Schicksalslied: „In jedem Geschlecht und in jeglicher Zeit standen sie wider mich auf, um mich zu vernichten, aber der heilige Gott, meiner Väter Gott, hat mich befreit ans der Völker Hand." Meiner Väter Gott, der die Riegel gesprengt und die Retten zerbrach, der sein Volk geführt aus der Knechtschaft Schmach. Der sie auf Adlersflügeln trug durch endlos sengende Wüstenglut, über die Schrecken des Abgrunds, über Gräber und Tod der Geschichte, Meiner Väter Gott, den sein Volk geliebt, wie die Braut glückselig den Bräutigam liebt, wie der Totgeweihte das Leben liebt mit gigantischer, himmellodernder Liebe. — Meiner Väter Gott, wo bist du? — Nacht ist's um mich, und meine Seele horcht hinaus in die Nacht: wo ist der, den meine Seele liebt? Der im Wettersturm sprach: „Ich bin der Ewige dein Gott, der dich aus Egypten geführt, aus dem Hause der Knechtschaft." — Nacht ist's um mich, düstere, sternenlose, ewige Nacht. Denn sie haben meine Sterne mir verdunkelt, meine segnende Sonne haben sie verlöscht, sie haben meiner Väter Gott mir genommen, gemordet mit dem kalten Stahl ihrer schneidenden Weisheit. G, ihr klugen Meister der Zeit, ihr frommen Meister! Nicht mit wuchtigem Kammer zerschlüget ihr seine Majestät, ihr wäret nicht Sturm und Flamme. Aber mit süß einlullenden Worten habt ihr ihn fortgeschmeichelt. Unser Gott war euch nicht groß genug, darum habt ihr ihn so klein gemacht.