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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 3 (1908) · p. Seite 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
3 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 72 (sequence 24)
Language
German
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72 N«nd schsn gefordert, über die 'liberalen Bewegungen in Deutschland und in Frankreich zu referieren. Claude Montefiore eröffnete das Meeting mit einer warmen Begrüßungsrede. Er sprach von der Bedeutung der Jewish Religious Union, die hervorgegangen sei aus dem heißen Wunsche, diejenigen englischen Iud^n, die sich von allem religiösen Leben zurückgezogen hatten, dem Judentum wiederzugewinnen. — Hierauf referierte Germain L6v? über die französische liberale Bewegung. Nach einem geschichtlichen Exposö von der Zeit des großen , Sanhedrin bis zur Gründung der Union Liberale Israölite im Jahre \<)07, erörterte der Redner die Motive und Ziele der neuen Bewegung in Frankreich. Zwei große Tatsachen erklären die Entstehung und die Tendenz des liberalen Judentums: Der Uebergang des Judentums von einer Staatsreligion zu einer reinen und einfachen universellen Religion und die Ergebnisse der Wissenschaft; beides hatte eine Veränderung des jüdischen Lebens und Denkens zur Folge. Eine Religion stirbt, wenn sie vom Leben und von der Wahrheit sich trennt; und so haben wir diesen neuen Verhältnissen alles, was das Judentum ausmacht, angepaßt: seine Dogmen, seine Ethik, seine religiösen Satzungen, seine Gebräuche, seine gottesdienstlichen Formen. Dabei haben wir alles Wesentliche beibehalten, seinen Geist und von seinen Formen alles, was erbaulich, poetisch und erzieherisch zu wirken im Stande ist. Wir wollen eine Religion des Lichtes sein, das heißt: der Wahrheit und des Lebens. — Lebhafter Beifall begleitete die Ausführungen des Redners. — Nach ihm sprach Dr. Seligmann über die neueste liberale Bewegung im deutschen Judentum. Er schilderte das geschichtliche Werden des modernen Judentums in Deutschland und verweilte eingehend bei den Motiven, die zu der neuesten liberalen Bewegung führten. Erneute Sehnsucht nach persönlicher- Religion und die Rückkehr der Gebildeten zu dem Judentum, dem sie Jahrzehnte lang entfremdet gewesen, waren die Triebkräfte des neuen religiösen Aufschwungs. Zwischen persönlicher und historischer Religion, zwischen den Forderungen des neuen Lebens und Denkens auf der einen Seite, den Forderungen des posittven Judentums, das sich von seinem geschichtlichen Boden niemctls entfernen dürfe, auf der anderen Seite, müsse die richtige Mittellinie gefunden werden. Diese zu finden sei Aufgabe des liberalen Programms. Der Liberalismus in Deutschland richte sich nicht gegen die Orthodoxie. Wir haben dem alten Judentum nichts vorzuwerfen. wir wollen der Orthodoxie nicht einen einzigen ihrer Anhänger, den sie halten kann, abspenstig machen. Nur für diejenigen, die das orthodoxe Judentum nicht halten und nicht gewinnen kann, ist unsere Bewegung bestimmt. Für sie haben wir in Frankfurt die neuen Institutionen geschaffen und wollen sie für ganz Deutschland schaffen. Die Frauen und die Jugend müssen wir gewinnen für unsere Sache, und sie mit dem Glauben an unsere Zukunft mit Begeisterung für die Größe und Schönheit des Judentums erfüllen. Mit der Jugend werden wir siegen, denn wer die Jugend hat, hat die Zukunft. — Auch die Ausführungen dieses Redners fanden lebhaftesten Beifall. — Mit bewegten Worten dankte Miß Lilv Montagu, die zweite Vorsitzende der Union, den Rednern und sprach die Hoffnung aus, daß eine gesegnete Zukunftssaat aus diesem Abend ersxrieße. — Das Meeting war eine imposante Kundgebung, ein geschichtliches Ereignis, die erste Anbahnung eines religiösen Zusammenschlusses des westeuropäischen liberalen Judentums. Lerausgegeken von der Vereinigung für bas liberale Judentum Berlin C 2, Heikigegeiststraße 52 Äür die Redaktion verantwortlich Dr. Ä. Seligmann, Nrankfurt a. A!., Wiefenau 50. und Gr^eöition von Voigt «8s Kleiber, Frankfurt a. Al., Bikergafle ß.

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