Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 25. für das Schlujahr 1901-1902 (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 145)
- Language
- German
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Kurze Zeilen. 137 Form auf ältere Vorbilder zurückgehen. Nun zeigen die zwei ältesten Kodices sehr kurze Zeilen. Ms. Or. 4445 des British Museum, das nach Ginsburg1) in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts geschrieben wurde, hat auf jedem Blatte drei Kolumnen zu je 21 Zeilen mit durchschnittlich 10 Elementen. Ein um ein halbes Jahrtausend jüngerer Bibelkodex2) hat wohl 30 Zeilen in der Kolumne, aber jedes Blatt ebenfalls drei Kolumnen und jede Zeile durchschnittlich 12 Buchstaben. Der Petersburger Prophetenkodex aus dem Jahre 916 hat auf jedem Blatte zwei Kolumnen mit je 21 Zeilen und jede Zeile 15 Buchstaben3). Die Kürze der Zeilen wird kein Produkt des Mittelalters, sondern des Alterthums sein; sie entspricht beiläufig den alphabetarischen Versen des 3. Kapitels der Klagelieder. Wenn die poetischen Bücher Psalmen, Proverbien und Job kolometrisch geschrieben wurden, so dass jeder Vers auch äusserlich in seine zwei Glieder zerlegt und diese letzteren graphisch durch je eine eigene Zeile veranschaulicht wurden, dann enthielt jede Zeile durchschnittlich 12—15 Buchstaben. Wie der ganze poetische Bibelvers das Vorbild der langen, so war der poetische Halbvers das Vorbild der kurzen Prosazeile. In der Tora, die als Synagogenrolle diente, mag die längere Zeile die gewöhnlichere, bei nichtofficiellen Bibelexemplaren dürfte jedoch die bequeme Lesbarkeit ausschlaggebend gewesen sein und diese erforderte kurze Zeilen. In der klassischen Litteratur war die Durchschnittslänge der Zeilen 34—38 Buchstaben oder 15—16 Silben. ״Für Prosaschriften war jene Silbenzahl vermutlich nur eine auf die ordnende Thätigkeit der Alex• andriner zurückzuführende Recheneinheit, welcher eine *) Introduction to the . . . . Hebrew Bible p. 469 (Faksimile). 2) Ebenda 625 ein Faksimile. 8) Faksimile bei Stade, Geschichte des Volkes Israel I 34 (Strack* s Ausgabe ist mir nicht zugänglich). Keuchlin’s Prophetenkodex vom Jahre 1105 (bei Stade 32) hat zwei Kolumnen mit längeren Zeilen (26—28 Bstb.), die Erfurter Bibelhandschrift (ebenda 30) drei Kolumnen mit 14—15 Bstb. Die Länge der Zeile wechselt mit der Kolumnenzahl.