Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- 25. für das Schlujahr 1901-1902 (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 11)
- Language
- German
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Einleitung. a -der Sinn für historische Ueb erlieferung vielen Kritikern fast ganz abhanden gekommen ist und dass sie dem Divinationsvermögen der menschlichen Vernunft ein Vertrauen entgegenbringen, das weder die wissenschaftliche noch die gemeine Erfahrung rechtfertigt. Man sollte sich stets vor Augen halten, wie lenkbar der von einer Theorie beherrschte menschliche Verstand ist; er schlägt geradeaus die ihm gewiesene Bahn ein und findet unfehlbar, was er sucht. Im Grunde genommen, sucht er, was er bereits gefunden oder vielmehr vorgefunden. Der linke Flügel der Bibelkritik schaltet und waltet in souveräner Weise mit den biblischen Schriften, sprengt ihren Rahmen und vernichtet ihren Text. Interpolationen sollen im Jesaia noch vor 1900 und etlichen Jahren, und zwar ohne Widerspruch zu erfahren, vorgekommen sein, in einer Zeit also, in der Hillel und neben ihm eine Menge von Schrift gelehrten gelebt, die die prophetischen Schriften als göttliche Offenbarungen verehrten und jedes ihrer Worte schon von der Volksschule her in ihrem Gedächtniss aufbewahrten. Der Bibeltext bedeutet vollends gar nichts, er muss jedem gelehrten Einfall das Feld räumen. Es steht mit ihm ganz so, wie mit der Etymologie des 18. Jahrhunderts, der die Vokale gar nichts und die Konsonanten noch weniger be- «deuteten. Gegen dieses übermässige Selbstvertrauen der Kritik, das sich in der biblische Wissenschaft breit macht, muss nachdrücklich betont werden, dass ein Tintentropfen U e b er li e fe r ung mehr werth ist, als •ein Tintenfass Scharfsinn und ein Körnchen Wahrheit belehrender, als ein Scheffel Muthmassungen. Eine si chere Grundlage für die Kritik der biblischen Schriften und ihres Textes kann, nur die genaue Erforschung der äusseren Geschichte beider schaflen. Ohne Kenntniss derselben können luftige Hypothesen aufgestellt, aber keine wahren Ergebnisse zu Tage gefördert werden. Und wenn sie schon zufällig gefunden :sind, fehlt ihnen die Bestätigung.' Die höhere5 Kritik ver-