Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
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_108_ Studenten, durch das Ungarthor ins Ghetto zu gelangen und ein Haus in Brand zu stecken, der aber bald gelöscht wurde. Die Empörung gegen das Militär führte zur Ermordung eines Korporals und zweier Soldaten. Besonders fürchtete man nach der Abreise des Hofes am 4. Mai den Ausbruch neuer Unruhen. Eür alle Fälle wurde die Cavallerie der Umgegend zusammengezogen und marschbereit gehalten. Das Ereigniss hatte eine so tiefgehende Aufregung hervorgerufen, dass der päbstliche Nuntius darüber nach Rom. die Gesandten an ihre Regierungen berichteten. Für den Augenblick waren die Juden gerettet, aber die Gefahr war nicht beschworen. Die Besatzung, die das Ghetto befreit hatte, blieb weiter darin zu seinem Schutze, es war eine wahrhafte Belagerung, deren Schrecken die Judenschaft da über sich ergehen sah 1). Der Ruf und die Wache schirmten ihre Wohnungen, aber jenseits der Schlagbrücke waren sie vogelfrei, Keiner wagte, die Gewölbe in der Stadt zu öffnen, der Weg dahin führte durch Gefahr und Verderben. Für ihr Leben bangend, von ihrem Erwerbe abgeschnitten, von Mangel nnd Hunger bedroht, riefen sie in ihrer tiefen Bedrängniss und Seelennoth die Gnade des Kaisers an. Damals hatte Wenzel Euseb Fürst Popel von Lobkowitz, sein vornehmster Geheimrath und allmächtiger Obersthofmeister, bereits mit fester Hand die Zügel des lenksamen im Staate entscheidenden Willens ergriffen 2). Einem Bittgesuche an ihn schlossen sie denn das Memorial an den Kaiser bei, in dem sie »um Gottes und des jüngsten Gerichtes willen seufzend und weinend« ihn beschwören, den Ruf, der ergangen war, auch auf die Gewölbe und alle Wege auszudehnen, die sie passiren mussten, und den christlichen Bürgern durch öffentliche Edicte an den Stadtthoren den Schutz ihres Lebens und die Eröffnung der Häuser in Gefahren zur Pflicht zu machen. Sie kannten ihre Lage, sie wussten es, dass Magistrat und Bürgerschaft mit leidenschaftlicher Erbitterung sie verfolgte und an den Stufen des Thrones sie anschwärzte, sie bekennen dem Kaiser, wie dies Alles nur darauf ziele, dass sie »ganz und gar eradicirt und exterminirt werden sollen«, aber noch wagen sie ihn ב) Noch am 12. Mai war nach einer Depesche G-aleazzo Grualdo’s der Handel nicht beigelegt. 2) Adam Wolf, Fürst Wenzel Lobkowitz 433.