Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [11.] für das Schlujahr 1887-88 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3122061-3122082--1547-3123723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
69 finder. Die Fortschritte, die sein jüdisches Wissen zeigte, wurden wie ein Wunder angestaunt. Bald zählte er die Besten in der Gemeinde zu seinen Freunden. Model Oettingen, der Rabbinatsassessor, gelehrt und begütert, ein durch seinen Scharfsinn berühmter Kopf, und Dr. Leo Winkler, der vielbeschäftigte Gemeindearzt, der gebildeteste Mann im Ghetto, hatten ihn so ganz ins Herz geschlossen, dass ihre Briefe ihm noch in die Ferne folgten, wenn er die jungen Adeligen auf die deutschen Hochschulen begleitete. Winkler war ganz der Mann, auch Wagenseils ungewöhnliche Kenntnisse in den Profanwissenschaften zu beurtheilen und zu bewundern, hatte ihm doch am 22. März 1629 die Universität Padua 1j den Doktortitel zweier Facultäten, der Philosophie und der Medizin, verliehen. In seinem Hause fand daher der junge Polyhistor die verständnissvollste Gastlichkeit. Wenn er die synagogalen Bräuche kennen lernen wollte, nahm ihn der allverehrte Arzt und Vorsteher mit an seinen Ehrensitz in der Nähe der Gesetzeslade; aus seinem Buche lauschte Wagenseil den Vorlesungen aus der heiligen Schrift. Hier in der grossen Synagoge 2) geschah es auch einst, dass er durch sein Eingreifen einen Brand verhütete, der leicht durch eine sich neigende Wachskerze hätte entstehen können, welche die Juden wegen des Sabbat hatten gewähren lassen. In Winklers Hause wurden von den jüdischen Gästen die hebräisehen Briefe bewundert, die der christliche Freund aus fremden Universitätsstädten zu schreiben pflegte, wie sein zierliches Latein den Kennern in der Stadt imponirte, wenn der jüdische Arzt es ihnen zeigte, der beider Sprachen gleich sehr Meister war 3). Die freundschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Kreisen, die er in Wien unterhielt, ebneten ihm auch im Ghetto von Pressburg die Wege, wo er 1658 verweilte. Sein Lieblingsstudium setzte er auch hier mit dem gleichen Eifer fort. Josef b. Abraham Heller und dessen Sohn Petachja oder Zacharias wurden ihm hier befreundet. Die ב) Nach dem mir in Abschrift vorliegenden Protokolle. 2) Schneit IV. 2. Cont. 362, der Wagenseil diese That׳ nicht vergeben kann. 3) Einen hebräischen und lateinischen Brief AVinklers vom 18. Juni 1655. nach Meissen gerichtet, bewahrt das Epistolar Nr. 18. Auch der künstlichen hebräischen und zugleich deutschen Verse aus einem Hochzeitsgedichte Winklers erinnerte sich Wagenseil noch später Sota p. 49, wo er ihn R. Judas, Doctor Medicus nennt.