Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Journal
- Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest
- Volume
- [9.] für das Schlujahr 1885-86 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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21 III. Abschnitt. 1. Das Gewöhnliche, alltäglich sich Wiederholende pflegt den Menschen kalt und unberührt zu lassen, er schreitet gleichgültig darüber hinweg ohne hohem Sinn, ohne tiefere Empfindung. Er liebt das Abwechselnde, das Seltene, das Neue; das Alte hingegen hat keinen Reiz für ihn. Wir sehen in der Natur die grossartigsten, mannigfachsten Wesen, Formen und Gestaltungen, Kräfte, Ursachen und Wirkungen und gehen gleichgültig vorüber, ohne das wunderbare Gefüge anzustaunen, ohne an die Urkraft zu denken und den Herrn des Alls zu erkennen und zu bewundern; und zwar bloss darum, weil wir es täglich vor Augen haben. Erst beim Anblicke ungewöhnlicher Naturereignisse, ausserordentlicher Naturerseheinungen, oder solcher, die eine längere Zeit unserem Gesichtskreise entrückt ,waren, werden wir der wunderbaren Macht unseres Schöpfers inne. Wenn die Erde das weisse Kleid des Winters ablegt und das grüne des Frühlings, geschmückt mit wohlduftenden Blumen, anlegt; wenn die Sonne ihr Licht verhüllt und ihre Strahlen uns entziehet; oder wenn die Elemente einander stossen und zündend und krachend sich uns ankündigen, da tritt die ganze Macht der Natur mit ihren mannigfachen Kräften, Formen und Gestaltungen vor unser Bewusstsein, mit mächtig erregter Seele, mit tief empfindendem Gemüthe staunen wir die wunderbar eingerichtete Natur an, bewundem den grossen, allmächtigen Schöpfer und Erhalter derselben und werfen uns zur Anbetung seiner unendlichen Weisheit nieder. So wie mit dem Anblicke der Natur, so verhält es sich auch mit der Betrachtung der äussern Werke der Religion. Die im zweiten Abschnitte erwähnten sichtbaren Denkzeichen würden eben darum, weil sie alltäglich uns vorgeführt werden, sehr bald ihren inneren Werth verlieren, sie würden uns gleichgültig lassen, wir würden bei ihrem Anblicke weder an Gott, noch an die Liebe zu ihm, noch an die Befolgung seiner Gebote und der ethischen Gesetze denken. Darum war es dringend nothwendig, einzelne Tage des Jahres als ausserordentliche Denkmäler, als ungewöhnliche, äussere Erinnerungszeichen aufzustellen, damit bei ihrem Erscheinen die Liebe zu Gott mit erneuerter Kraft unsern Geist und unser Gemüth erfülle