Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 141 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Uebcr Birnbaum Hl seiner Anschauungen ü ber die Jüdische Frage zu ihrem Pro* grammc gemacht. Er hat keine Jüngerschar, der jedes Wort des Meisters Heiligtum wäre* Er ist „vereinsamt". Und doch ist vielen sein Name Symbol, doch hangen so viele mit unendlicher Liebe und Hingebung an ihm, viele, die in Weltanschauungs- und Programmfragen scheinbar so weit von ihm entfernt sind. Wo liegt des Rätsels Lösung? Es ist der Zauber der großen Persönlichkeit, die uns alle in ihrem Banne hält, die Prometheus-Schönheit, die sein 'Wesen ausstrahlt, die Ehrfurcht vor dem schier heroischen Lebensdrama, das sich in diesem Manne abgespielt hat und täglich wieder abspielt Und noch mehr: In ihm ist die unendliche, unbedingte, reine Liebe zu unserem Volke verkörpert, er ist das lebendige Symbol der Hingabe an die großent schöpferischen Zentralmassen der Nation, denen erst er, der wiedergefundene Sohn, ihre Schönheit und Größe mit nie übertroffener Wucht zum Bewußtsein gebracht hat Wir können in vielen bedeutenden Fragen Birnbaum nicht folgen; in der Wertung der Geschichtsfaktoren, des Klassenkampfes, des proletarischen Sozialismus, der Zukunftsbedeutung? Palästinas etwa — was bedeutet all das gegen die erhebende Innigkeit, in der er sich dem Volke hingibt! Wir mögen seine letzte Wendung zum Positiv-Religiösen nicht mitmachen können — was verschlägt's? Ist nicht gerade diese Wendung ein neuer Beweis seiner unendlichen Sehnsucht nach dem Urgrund der Volksseele, ein neuer Akt im großen Drama seines Ringens mit dem Westjudentum in seiner Seele? Daß er in dieser neuesten Phase seines Hineinwachsens ins Ostjudentum einmal aus der Linie der ostjüdischen Zukunftsentwicklung, wie sie uns sich malt, herausgekommen ist, das ist ja im Grunde auch nur ein tragisches Resultat seines innerlichen Ringens um die restlose Emanzipation vom Westjudentum, des Ringens, das gerade die Quelle der Zauberkraft ist, die uns von ihm sich mitteilt. Vor diesem Ringen beugen wir uns. Es stellt alle Momente in den Schatten» die uns von ihm trennen könnten. Wir bekennen uns freudig, dankbar und hingebungsvoll zu Nathan Birnbaum, * LÖBL TAUBES Schon vor mehr als zwanzig Jahren war Dr. Nathan Birn* bäum selbst uns älteren Zionisten in Gatizien und der Bukowina