Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 139 (sequence 6)
- Language
- German
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Ueber Birnbaum 139 von der Höhe seines Europäertums auf die „armen Brüder" her* abgeschaut rhat, von seinem Piedestal herabgestoßen, seine Schwächen und Unzulänglichketten bloßgelegt, seine Stellung im Oesamtjudentum angegriffen, die Emanzipation des Ostjuden- (ums vom Westjudentum gepredigt, dem Ostjudentum die Majestätsrolle des Trägers des Volkstums zugewiesen, aus dessen unerschöpflichem Born das Westjudentum frische Kräfte schöpfen könne. Diesen Lästerer, diesen Hetzer und Rebellen muß man doch hassen! Doch hat dieser Haß charakteristische Abstufungen. Die Assimilanten hassen ihn, wie jeden anderen national denkenden Jude,i -auch. Die westlichen Gesinnungsnationalen hassen ihn schon »mehr, den höchsten Grad aber erreicht dieser Haß bei den „soziologisch-kulturellen" Westjuden, bei der westjüdischen Intelligenz des Ostens, Diese Abstufung des Hasses ist kein Zufall. Die Assimilanten machen sich über die inneren Fragen der nationalen Bewegung keine Gedanken, Wer immer die Nationsqualität des Judentums betont, ist ihnen in gleichem Maße Feind. Zu speziellem Haß haben sie keinen Grund. Die gesinnungsmäßigen Nationaljuden des Westens wieder haben an der Frage der westostjüdischen {Beziehungen ein mehr theoretisches, ideelles Interesse. Sie wollen es nicht dulden, plötzlich aus ihrer Gönucrrolle herausgestoßen zu werden, können es nicht begreifen, daß das .„Ghetto" plötzlich mehr sein will als ein Objekt ihrer Fürsorge und Experimente, können es nicht fassen, diesen finsteren Massen im Osten auf einmal in etwas nachzustehen, von ihnen etwas empfangen und ihnen etwas verdanken zu müssen,. Es ist der alte westjüdische Hochmut, der in ihnen tobt. In ihre konkrete Lebenssphäre aber greift die Frage Ost- und Westjudentum gar nicht ein. Anders 'bei der venvestUchten jüdischen Intelligenz des Ostens, Diese fühlt sich an ihrem Lebensnerv angegriffen, Ihnen geht es nicht nur um die Führung der Massen, um die Herrschaft im öffentlichen Leben, um die politische Macht — es geht um die Existenz. Denn vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte betrachtet, steht ein sehr großer Teil der jüdischen Intelligenz im Osten außerhalb seines Volkes. Nicht nur sind Gymnasien und Universitäten, Gerichte und sonstige Aemter fremdsprachig — der Intelligenz ist 'die Sprache vor allem Instrument des Berufes! — nicht nur kann die jüdische Sprache vorläufig in sehr geringem Maße Brot geben, sondern ein großer Teil der jüdischen Intelligenz lebt nicht vom jüdischen Volke, Das fällt so-