Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Ökonomische Übersicht
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 103 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ben Mordechai, Oekonomische Uebersicht 103 eigenen Bedarf. So war es vor 15 Jahren, als die ICA die Untersuchung vornahm. Heute aber kann man mit der größten Befriedigung eine Wandlung zum Guten feststellen. Die Gemüseproduktion für den Verkauf ist im Ansiedlungsrayon eigentlich eine häufige Erscheinung. In Weißrußland befindet sich dieser Wirtschaftszweig fast ausschließlich in jüdischen Händen, ja mancherorts kaufen sogar die Bauern das Gemüse bei den Juden.*) Und gerade die jüdische Bevölke- ( rung einiger Städtchen war damit beschäftigt, in manchen sogar ausschließlich. In den Kolonien des Westgebiets hatte sich dieser Zweig zur Zeit der ICA-Untersuchung noch nicht entwickelt. Aber der Beginn des Uebergangs dazu war schon damals vorhanden. Schon damals gab sich ein Teil der Bevölkerung mit Anbau von Gartenprodukten für den Verkauf ab und pflanzte größtenteils Kartoffeln, Rüben, Bohnen und andere Gemüse. Manche erkannten auch schon den Nutzen, den sie von intensiver Landwirtschaft haben könnten, insbesondere von Obstgärten, doch hatten sie nicht die materielle Möglichkeit, zu dieser Wirtschaft überzugehen. In den letzten Jahren wurde das Hindernis beseitigt. Die ICA half mit Anleihen, Unterweisungen, Auskünften und wirkte so in direkter Weise an der Entwicklung der intensiven Landwirtschaft in den jüdischen Kolonien mit. Es sei hier rühmend hervorgehoben, daß die ICA sich nicht begnügte, nur jene Kolonisten zu unterstützen, die eigene Initiative zeigten, sondern es sich auch "zur Aufgabe machte, eine derartige Initiative zu wecken. Die Agronomen der ICA begannen für die intensive Landwirtschaft eine starke Propaganda zu treiben, deren Erfolge die schönsten Hoffnungen ihrer ersten Wortführer noch überstiegen. 1 Der Schreiber dieser Zeilen besuchte gerade vor kurzem die kleine jüdische Kolonie Karke („Boden") neben Ssmorgon und sah mit eigenen Augen die Früchte dieser Propaganda. Die jungen Bäumchen der neu entstandenen Obstgärten waren sorgfältig beschnitten und legten von dem ernsthaften und bewußten Verhältnis ihrer Herren zu ihnen Zeugnis ab. Freilich, groß sind die Sünden der ICA auch hier. Ich sah viel Experimente, die eine Menge Geld gekostet hatten und durch die Schuld und Unerfahrenheit der ICA-Agronomen völlig mißlungen waren. Doch ist hier nicht der Platz für^eine Wertung der Tätigkeit der ICA. Für uns ist es hier von Wichtigkeit,, daß die ICA selbst die jüdischen Kolonisten auf neue Wege *) Siehe den Artikel im Novemberheft der „Freistatt" 1913, sowie den Artikel von B. Rubstein in Nr. 3, 1913.