Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 98 (sequence 4)
- Language
- German
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98 lieber Birnbaum die ersten, die sie verlassen, weil jede Form doch nur einen zeitlichen Wert hat. Birnbaum hat sich der Sache des aufstrebenden Ostjudentums mit der ganzen Leidenschaft seiner Feuerseele angenommen; Die „weisen" Köpfe haben ihren Kopf geschüttelt ob dieses Unternehmens, sie sahen darin nichts als das Steckenpferd eines exaltierten Menschen. Und doch haben sie sich zum großen Teile bald an sein „Steckenpferd" gehängt Zuerst haben sie ihn verspottet und verlacht, dann aber sind sie immer hinterher, selbstverständlich ohne seinen "Namen zu nennen, seinen „Steckenpferden" nachgegangen. Eine große Leidenschaft sieht mehr Wahrheit in einem Momente, als tausend grübelnde Pedanten in hundert Jahren. Birnbaum hat die Zukunft seines Volkes im Osten gesehen, in dem Osten, woher die Juden stammen, dite dem „gebildeten" westlichen Juden nur ein Nasenrümpfen verursachen. Birnbaum hat diese große Welt von unendlichem innern Reichtum, diesen unter der Asche glühend gebliebener Funken des alten jüdischen Geistes mit der ganzen Liebe seiner schönheitsdurstenden Seele ergriffen und ans Licht befördert. Die Sprache dieser Juden — dem „gebildeten" Juden immer ein Gräuel, weil ihm darin ein Stück lebenskräftigen,; saftstrotzenden Judentums entgegentritt —, die jüdische Sprache, hat Birnbaum mit der Verzweiflung eines Mannes, der unseren letzten lebendigen nationalen Schatz, welcher wie durch ein Wtmder entstanden und erhalten worden ist, verachtet und vergessen sieht, verteidigt und gehegt. Die jüdische Sprache und das Ostjudentum sind Birnbaum viel schuldig! Birnbaums größte Tat war es, als er die seelische Leere des westlichen Judentums erkannte, daß er sich mit aller Gewalt dem östlichen zuwandte, um hier das zu finden, was er mit fiebernder Seele immer gesucht hatte: eine seelische Heimat, einen Lebenszweck für sich und sein Volk. Fünfundzwanzig Jahre des Kampfes hat Birnbaum hinter sich. Man sieht es ihm kaum an! Der charakteristische schwarzbärtige Mann, in dessen Bart sich bereits das alterverkündende Grau mischt, ist jung geblieben. Noch immer lodert in ihm die heiße Flamme der unbezähmbaren Leidenschaft, die dieses Menschenherz für jeden schönheitsfühlenden Menschen so wert macht. Noch immer ist es der junge, vorwärtsstürmende Birnbaum, der uns mitreißt und mit 'eiserner Gewalt gefangen hält. Birnbaum kann nicht alt werden, denn seine Seele bleibt immer jung und stark. Man kann es kaum glauben, daß auch er bereits ein Jubiläum feiern kann. Dazu ist er zu wenig „abgeklärt". Unwillkürlich glaubt man Fanfarenstöße und Kampfgetöse beim Namen Birnbaum zu hören. Sein Namen ist ein Kampfzeichen, k