Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- Birnbaum als Jüdischer Politiker
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 94 (sequence 4)
- Language
- German
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94 Ueber Birnbaum' jüdischen Gegenwart und Zukunft, Es ist für den Außenstehenden schwer, zu urteilen, welche Bedeutung beispielsweise Masaryk als Kulturpolitiker im tschechischen Volke zukommt Aber es gibt solche großen Politiker, die, außerhalb der Parteien stehend, groß bleiben, ob sie nun die Gunst der Kräfte* Verhältnisse zu öffentlicher Wirksamkeit beruft, oder in splendid isolation ihnen diese versagt wird. In diesem Sinne ist Birnbaum jederzeit derselbe große jüdische Politiker, stets Wege erschauend, Werte entdeckend, ob es ihm nun vergönnt ist, für des Volkes Entwicklung auch aktiv zu wirken, oder ob er gezwungen ist, fern von praktischer Tätigkeit seine Gedanken zu schmieden, die letzten Endes den Weg ins Volk wieder finden. * LUDWIG STRAUSS Als ich Dr. Birnbaum zum erstenmal sah — er sprach über die Juden in Amerika —, ergriff mich jenes glückliche Erschrecken, das uns vor Großem überfällt. Wie er hinter dem Pulte aufstieg aus der Menge: über dem langen Bart der ruhevolle Zorn, die innige Kraft, der dringende, bewölkte Blick diesies Gesichtes! Verwittert von Erschütterungen, umweht von Gesichten — gestaltete Ewigkeit schien da oben zu ragen. Seine Stimme freilich war schwach und ohne Klarheit Eines Satzes aus jener Rede entsinne ich mich deutlich. Nicht des Bildes, das der Redner von seinem Gegenstande entwarf, noch seiner Meinungen darüber. Aber eines Bekenntnisses über den Eindruck, den die jüdische Millionenstadt New York auf Dr. Birnbaum machte, als er sie zum erstenmal betrat. Er erzählte, daß er habe weinen müssen, und gab in tastenden Worten eine Erklärung: es sei kein Sentiment gewesen, das ihn dazu zwang, kein Mitleid mit den Brüdern, auch nicht die Vorstellung ihrer Masse. „Es war", sagte er etwa, „eine Aufwallung meines historischen Sinnes" vor dieser Erscheinung, die eine Wende der Volksgeschichte bezeichnete. Die Möglichkeit einer solchen physischen und gemütlichen Erschütterung durch einen rein geistigen Vorgang, sie erfaßte mich damals mit unvergeßlicher Macht, und nie vorher oder nachher habe ich so lebhaft und klar erfahren, daß die Leidenschaftlichkeit rein geistiger Aktionen und ihre Gewalt über Leib und Seele ein Grund* zug jüdischen Wesens ist.