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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 91

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
Birnbaum als Jüdischer Politiker
Date
1914-05-28
Page
91 (sequence 1)
Language
German
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Ueber Birnbaum 91 Dr. SAUL SOKAL Birnbaum als jüdischer Politiker (Eine einseitige Betrachtung) Ist Birnbaum nur Träumer und Denker, oder ist er dem Volke in seinem Kämpfen und Ringen auch Wegweiser und Führer? Das ist doch eine der Kardinalfragen: welche Rolle, welche Stellung hat er in den Bestrebungen und Bewegungen des Judentums von heute? Es scheint unzweifelhaft zu sein, daß er in den 80er und in den 90er 3ahren Erwecker der jüdischen Intelligenz war und Initiator und Mittelpunkt alles Strebens und Schaffens des Judentums von damals. Von jenen Jahren, uns Heutigen fast gar nicht oder wenig bekannt, geben die „Ausgewählten Schriften" nur den Ausklang; doch ist gelwiß1, daß er in dieser Tätigkeits- und Schaffensperiode am jüdischen Leben nicht nur aktiv teilnahm, sondern es auch anführen und ihm den Weg weisen durfte. Das aber ist später nicht der Fall gewesen, und diesen Wandel gilt es zu erklären. Gewiß "kann man den Grund ebenso in den objektiven Verhältnissen wie in Birnbaums Anlagen und Talenten suchen. Beide Erklärungsversuche sind sicher reizvoll genug und verdienen ihre Darstellung. Aber wir können sie hier außer acht lassen, denn wir glauben, daß die innere Ursache jenes Wandels in seiner geänderten Stellung zum jüdischen Leben zu finden ist. In den ersten anderthalb Jahrzehnten hatte das Erwachen der jüdischen Intelligenz nur eine Erscheinung, die damalige jüdischnationale Bewegung. Und da in Birnbaum das jüdische Erwachen auch nur in dieser einen Form durchbrach und ihn beherrschte, konnte er eins sein mit den tätigen und wirkenden jüdischen Kreisen von damals und nicht nur mit ihnen zuzusammengehen und wirken, sondern auch ihnen voran. Aber wie bald sollte^ diese Eintracht und Einigkeit schwinden, da die Einheit in die Brüche ging! Denn Birnbaum fühlte und erkannte zuerst und am tiefsten, daß die jüdische Entwicklung nicht entlang einem Ariadnefaden verläuft, daß das jüdische Leben nicht eine Entwicklungslinie geht, sondern daß am Webstuhl der jüdischen Gegenwart mannigfaltige Fäden gewirkt werden, und daß eine Vielheit von Werfen zu ihrer Zukunft führt. Wohl empfand er später eine neue Einheit in dieser Mannigfaltigkeit und Buntheit (sein Fragment eines jüdischen Zukunftsromans), aber das verschwindet gegenüber der entscheidenden Tatsache, daß er in der jüdischen Wirklichkeit nicht mehr eine Tendenz, sondern viele am Werke sah; daß er hörte,

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