Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
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88 Ueber Birnbauinr Birnbaum aber gehört nicht zu den Leuten, die an günstiger Stelle Halt zu machen wissen; dann wenn die Idee scheinbar abgeschlossen — in die Breite geht und bis zur Unkenntlichkeit flachgetreten ist, bis sie jedermann mundgerecht und zugänglich wird. Er baute konsequent weiter. Auf den jüdisch-nationalen Gedanken folgte die Agitation für die Kolonisation Palästinas und in richtiger Konsequenz die Propaganda für das Hebräischei als eigentliche Nationalsprache der Juden. Soweit ging es glatt, und soweit folgten ihm die meisten seiner Schüler. Die Sache lag einfach klar, und es bedurfte keiner mühsamen geistigen Anstrengung zu ihrer Begründung. Die Schlagworte berauschten schon die Masse und verschafften vielen lokalen Führern, die Birnbaum nachbeteten, große Popularität Da kam der große Wendepunkt in Birnbaums Wirken, und viele seiner Verehrer und Nachbeter verließen ihn. Er schritt weiter, sie verstanden ihn nicht — manche wollten ihn nicht verstehen. Es begann die Periode der Birnbaumschen Propaganda für die Würdigung und Wertschätzung des Jiddischen, und er wurde der Inkonsequenz, wenn nicht der Abtrünnigkeit von seinen früheren Ideen bezichtigt. Mit Unrecht! Birnbaum hat — meines Wissens — nie der hebräischen Sprache als in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer nationalen Sprache die Anerkennung verweigert. Nur ist ihm das ganze jüdische Volk mit der ganzen Fülle seiner nationalen und kulturellen Güter teuer und heilig, und zu den wichtigsten dieser Güter gehört die jiddische Sprache. Wer kann in dieser Stellungnahme Birnbaums Inkonsequenz sehen? Und doch ist dies der Punkt, in dem er am meisten angegriffen wird. Bezeichnend genug ist es doch, daß der Jiddischist Birnbaum Nächte hindurch dem Studium des Hebräischen oblag, bis er es beherrschte — sogar hebräische .Unterrichtsbriefe mit Rüben Breinin herausgab —, und sich heute noch immer in das klassische hebräische Schrifttum vertieft, während hierzulande viele „Liebhaber" des Hebräischen, die nicht genug Worte der Entrüstung gegen Birnbaums Jiddischismus finden, bis heute sich nicht die Mühe genommen haben, auch nur oberflächlich die Sprache zu verstehen, deren Lob sie auf Kongreß- und Makkabäerf eierreden singen. S i e bleiben beim leeren Worte, Birnbaum schreitet vorwärts. Viele verstehen ihn nicht und können nicht mit Deswegen schelten sie ihn inkonsequent und abtrünnig. Denn Individualitäten wie Birnbaum gehören nicht zu jenem Holz, aus dem man stramme und gehorsame „Partetmänner" schnitzt Er steht außerhalb der zionistischen Partei, aber seine Seele ist getränkt vom zionistischen Ideal. Wenn Zionismus — und das tut er — die Auslese und Summe aller