Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 76 (sequence 3)
- Language
- German
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76 Ueber Birnbaum1 Lieben, nicht restlos billigen. Denn wenn Birnbaum vor der Versuchung bewahrt blieb, der die übrigen Westler erlagen, wenn ihn die weite Welt nicht gelockt hat, so erlag er der anderen Versuchung: er erlag dem Volke. Er gab sich ihm hin, er ließ sich von ihm führen, statt ihm Führer zu sein. Den Westlern wurde er — vielleicht gegen seinen Willen — ein Erzieher, Die großen Massen hat er zu sehr geliebt, um ihnen einen Weg, seinen Weg weisen zu können. Gerade unser Volk aber, das von tausend harten Schicksalen mitgenommen, entstellt, verunreinigt ist, braucht Menschen, die auch hassen, ausrotten, wählen können. Die große sittliche Bedeutung de? Zionismus beruht eben hierin. Gewiß, alle die Vorwürfe, welche Birnbaum auf die zionistische Intelligenz häuft, sind berechtigt. Aber trotz allem — der Zionismus wählt, und eben hierin erweist er sich als zutiefst jüdische Bewegung. Es ist paradox: Birnbaum; liebt und bejaht das ganze gegenwärtige Judentum, nur den Zionismus nicht. Ich denke: Vielleicht ihm selber unbewußt ist seine Liebe zum ^Zionismus so groß, daß er diesmal kann, was er sonst nicht vermag: innerhalb des Zionismus zu wählen und zu hassen. * S. DUBNOW Ein Gruß aus dem Osten dem Ritter des Ostjudentums Er kam zu uns aus dem triumphierenden politischen Zionismus, der sich als Hilfsmittel für alle jüdischen Leiden proklamierte, und er erklärte, zu tief greife das historisch gewordene jüdische Problem, zu gewaltig sei es, als daß es sich durch Diplomatie, Kolonisation und ein winziges Territorium für einen winzigen Teil der großen Nation lösen ließe. Er verließ jene Scharen, die er selbst zusammengeführt hatte; denn er wußte: zu Tode verurteilt haben sie den jüdischen Golus, die ungeheure Weltdiaspora, deren Anfänge die Anfänge des Volkslebens selber sind, und deren Ende erst dann sein wird, wenn für unser Volk die letzten Tage gekommen sind. Sie haben sie verworfen, die aus dem Uralter orientalischer Kultur über die griechisch-römische Welt herüber in die funkelnagelneuen Kulturen von Europa und Amerika hineinragt. Sie fliehen die 25 Jahrhunderte des Golus, der noch heute ungebrochen ist wie in seinen ersten Jahren, fliehen ihn wie Trümmer, wenn sie zusammenstürzen. Denn an dem territorialistischen Narkotikum hatten sie sich berauscht