Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 75 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber Birnbaum 75 Bewegung hat im Westen wirklich einige von den besten Köpfen, Menschen, die sich auch in der großen deutschen Literatur ihren Platz leicht erobert haben. Aber die „Rückkehr zum Judentum", welche diese Intelligenz vollzog, hat für unsere eigene Volkskultur nichts, gar nichts bedeutet Sie ist durch sie nicht bereichert worden. Die Allerbesten unter den Rückgekehrten lernten Jiddisch und Hebräisch und übersetzten — ins Deutsche. Die Allerbesten! Und ihrer sind ganz wenige, so wenige, daß die jiddische und hebräische Literatur der Gegenwart für die Deutschen noch immer zu entdecken ist. Ich wage nicht, jemanden anzuklagen. Ich weiß viel zu gut, wie stark die Versuchung ist, der alle die erlegen sind; wie arm und klein unser Schrifttum ist, welche Schwierigkeiten persönlicher, sprachlicher, terminologischer, inhaltreicher Natur derjenige überwinden muß, der Hebräisch oder Jiddisch schreiben will Weiß, daß für gewisse Probleme überhaupt kein Publikum da ist, daß es kaum eftie Kritik gibt, die dem Schaffenden zur Seite stünde, weiß, wie infolge der Kleinheit de# Literatur sich so leicht aide Schikanen eines Lebens auf gedrängtem Räume — Cliquenwesen, Verdächtigungen, Beschimpfungen — einstellen. Ich verstehe nur zu gut, warum die großen deutschen Zeitschriften fast in jeder Nummer Beiträge unserer Menschen bringen, während die hebräische und jiddische Literatur von ihnen nichts bekommt. Und doch, und doch! Doch müßte es unsere allererste Sorge sein, für eine starke, reiche jüdische Literatur zu sorgen, in der wir, und wenn nicht wir, so doch unsere Kinder leben könnten! Doch lag die Konsequenz so unendlich nahe, daß m;an den Schwerpunkt seines Schaffens in den Kulturkreis des eigenen Volkes verlegen muß. Aber keiner, keiner hat diesen Weg beschritten. Nein, doch einer! Einer hat aus seiner unendlichen Liebe auch diese Kraft geschöpft, sich seinem Schrifttume anzugliedern. Und so rührend ist Birnbaums Liebe zum jüdischen Volke, so sicher seine Ueberzeugung von seiner innerlichen Größe trotz aller äußerlichen Kleinheit und Dürftigkeit, daß er damals, als er zum erstenmal Jiddisch zu schreiben begann, so ungefähr ich habe den Artikel nicht zur Hand — sagen konnte, er habe es satt, im kleinen Teiche zu plätschern, er wolle hinaus aufs große Meer. Ich finde keinen stärkeren Beweis für diese ergreifende unendliche Demut, die Nathan Birnbaum seinem Volke; gegenüber beseelt, als dieses Wort. Es gibt an Birnbaum vieles, was wir bewundern müssen; vieles auch, was wir schmerzlich empfinden und nicht verstehen. Es gibt wenig an diesem harten Manne, was man lieben könnte. Diese Demut vor dem Volke muß man lieben.