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Die Freistatt · 1914-04-30 · Heft 1 (30.4.1914) · p. 59

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 1 (30.4.1914)
Article
[Rezension] / Shaban
Date
1914-04-30
Page
59 (sequence 2)
Language
German
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Bücherbesprechungen 59 ist. Dadurch wird sie atj^r selbst noch Jiddischen beschäftigen — dieses erste kein spezifisch-nationales Kulturgut, philologische Jahrbuch in jiddischer jedenfalls nicht in höherem Sinne, als Sprache also mit den Sprachelementen es bei jeder Wissenschaft möglich ist. (in analytischem Sinne) beginnt. Syntax, Der vom Verfasser so betonte Unter- Formenlehre und Etymologie fehlen schied zwischen Philologie und Linguistik— wobei letztere die »allgemeine ganz y Herr Ch. Tschemerinski schreibt der Wissenschaft darstellt — läßt sich eben Phonetik den Zweck zu, die Bereichenicht aufrecht erhalten. Nur durch rung der Sprache, (hier der jüdischen) ihren Gegenstand erlangt die Sprachaus pädagogischen und ästhetischen Wissenschaft ihre große Wichtigkeit im Gründen in theoretisch richtiger Weise Bewußtsein der nationalen Kultur, Die zu eimöglichen. Doch, scheint mir, Philologie, mit der „fast alle erwachenden tritt diese nationale Aufgabe vollständig Völker beginnen", ist nicht die Ursache, hinter der als Hilfswissenschaft der Phisondern die Folge einer kulturellen lologie zurück. Die Methode des Ver¬ Renaissance. Übrigens mißt der Verfassers, die phonetischen Verhältnisse fasser die Juden allzusehr an dem Maßstab der der jiddischen Wörter mit denen der andern unterdrückten neuhochdeutschen zu vergleichen „um Völker" und übersieht dabei allem andern ganz abgesehen von nicht, für unsere praktischen Zwecke den „weitläufige Untersuchungen nach dem \ gewaltigen Unterschied, daß bei jenen Ursprung jedes Wortes anstellen zu _ r die Begründung ihrer Philologie meist müssen", ist natürlich nicht zulässig, in viel höherem Maße ein kultureller Will man nur rein empirisch die pho- Anfang war, als es bei den Juden mit netischen Tatsachen feststellen, so ihrer uralten kontinuierlichen Kulturtut ja eine derartige Vergleichung überentwicklung (wenn' auch in drei oder haupt nicht not. Und zur Erkenntnis, vier andern Sprachen) sein kann und der phonetischen Gesetze ist eine gründliche historische Erforschung unum- Von Einzelheiten sei nur zu sein braucht. Eine bei einem solchen Kulturbeginn gänglich. nerkbare Tatsache, nämlich das Vererwähnt, daß der Verfasser irrt, wenn Jiäitnis mancher Schichten zu der er die allgemeine Ansicht, die jiddische Sprache des Volkes, ist eine Erschei- Orthographie habe im Unterschied von nung, die ja bei den Juden tatsächlich den gewöhnlichen semitischen Ortho- A eine gewisse Analogie findet. Der graphien wirkliche Vokalbuchstaben wie Verfasser nimmt hier Gelegenheit, den die der lateinischen Alphabete, für falsch Gegnern der jüdischen Sprache entgegen erklärt. Vielmehr entspricht jene Anzu treten. *) Das ist leider auch heute schauung den Tatsachen. Alef, Wüw, noch nicht überflüssig. Denn haben die nationale Selbstmordperiode stumme Träger der hebräischen Vokal wir Jy:d und Ajen sind nicht mehr bloß mancher Kreise mit ihrer Mißachtung zeichen, sondern letztere sind in der und Verachtung des Jiddischen noch jiddischen Orthographie zu bloßen dialange nicht hinter uns. kritischen Zeichen an vollgültigen Buchas ist interessant, daß sich die vier staben herabgesunken (Kümec und Im engern Sinne philologischen Ar- Pa:sech beim Alef usw. Das Alef hat beitcn des Pinkes* nur mit Phonetik (und Orthographie) der des allerdings auch teilweise, nämlich als Vokaleinsatz im Silbenanlaut seinen ursprünglichen Wert als Kehlkopfex- 1) „Wer nur den geringsten Begriff von plosivlaut beibehalten. M. Wejnger hebt in einem kurzen Artikel über die hebräischen Laute in ehien gVsetzmäßlgeVBa der jüdischen Sprache richtig hervor: Sprachwissenschaft hat, weiß, daß jede menschlidie Rede, die von Millionen gesprochen und verstanden wird, eine innere Ordnung und würde sie einfach von niemandem verstanden werden u „Das Deutsch Schillers und Goethes tsl nicht der Stiefvater des Jüdischen, ftoiidern sein Stiefbruder und noch dazu ein jüngerer Bruder. Jüdisch ist älter nls jenes Deutsch, das unserm „Intelligenzler" einwandsfrei ist, und zwar um dreiinlr-; vierhundert Jahre." 2) Das ist insbesondere bei der letzten hervorzuheben, die sonst jenes gern beschrittene Populärgebiet der Sprachwissenschaft bildet, wo man sich an der wunderbaren Entdeckung erfreut, daß ,bojml4 (Öi) mit »Baurnöl* zusammenhängt, was man dann je nachdem „verdorben werden" „abstammen" nennt.

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