Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Etwas über Judenmission
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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16 Etwas über Judenmission, von einem Katholiken die gedrückte Lage der Juden kaum geändert. So war nur ein Nebeneinander, aber nicht ein Miteinander von Juden und Christen in Europa möglich. Die wachsende Entfremdung erzeugte bei diesen eine stetig zunehmende Unkenntnis des Judentums und bei jenen eine starke Abneigung gegen das ChristentumT als einer neuen Auflage des Götzendienstes. Aber mit dem endenden 18. Jahrhundert, wo für die Ausgestoßenen der Gesellschaft das Mittelalter aufhört, gelangen sie zu einer geistigen Auferstehung, werden in Westeuropa ebenbürtige Mitarbeiter des Kulturprozesses, dessen Zauberkreis sich auch die östlichen Juden nicht mehr zu entziehen vermögen. Um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts verlor die Vernünftelei in der Religion an Boden, es1 zeigte sich ein wuchtiger religiöser Aufschwung. Alte Gegensätze schienen in einer höheren Einheit aufzugehen. So schien es auch in der Judenheit, von der sich viele angesehene Glieder in England und Deutschland, ihrem Glauben entfremdet und an der Zukunft verzweifelnd, hatten taufen lassen. Aber vielen Engländern war dieser Vorgang noch zu langsam, * man wollte ganz Israel christlich machen. So entstanden seit 1808 in England, bald auch auf dem Festland und in Amerika Vereinigungen für die Judenmission. Nach den neuesten Erhebungen in Großbritannien 13, in Deutschland 3, in den Vereinigten Staaten 11 kirchliche und 21 unabhängige Gesellschaften; die anderer Länder sind von minderer Bedeutung. Im eigentlichen Rußland kommt die Missionsarbeit nur der Staatskirche zu, und auch in Polen unterliegt die Tätigkeit der unter englischer oder amerikanischer Leitung stehenden Missionare manchen Beschränkungen. Die katholische Kirche übt keine Judenmission, aber auch angesehene protestantische Theologen, wie Schleiermacher, R* Rothe und T. Beck verwerfen sie. Wenn die Juden der Anblick des von allen Seiten in Kultur, Sitte und Religion sie umgebenden Christentums nicht zu bekehren vermag, so noch weniger ein Missionar, der ihnen zudringlich ins Haus kommt. Was das gesamte Christentum in Tat und Betspiel nicht vermag, vollbringen sicherlich nicht einige allegorische, für ihren Zweck zugestutzte Bibelerklärungen. Nun sagt man, die gewöhnlichen Pastoren verständen bei ihrer meist nicht großen Kenntnis des Alten Testaments und des späteren rabbinischen Schrifttums die Judenbekehrung nicht recht. Dafür bedürfe man besonders geschulter Kräfte, welche so weit als möglich den jüdischen Täuflingen, als den besten Kennern jüdischer Eigenart, zu entnehmen seien. So werden nun diese, gewöhnlich einer geregelten Schulbildung entbehrenden, an kein Handwerk oder sonstiges odentlichc Geschäft gewöhnten, durch Schmeichelei noch überdies verwöhnten Menschen auf die armen Juden losgelassen;