Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Die Judenfrage in Österreich u. ihre Zukunft
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 703 (sequence 5)
- Language
- German
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702 Benzion Rubstein, Die Judenfrage in Oesterreich usw. Wenn man die Liste jener Sprachgruppen durchsieht, die sich im letzten Jahrzehnt verringerten, so bemerkt man sofort, daß es verschwindend kleine Gruppen sind von Dutzenden od^r Hunderten von Mitgliedern, die infolge ihrer geringen Größe kein nationalkulturelles Milieu schaffen können und daher zur Assimilation gezwungen sind. Oftmals sind es zufällige Wander- oder wie man sie auch nennt, Ruhegruppen, die, um frische Kräfte zur Weiterwanderung zu sammeln, eine Zeitlang Halt machen. Unter den massenhaften Minoritäten — massenhaft nennt die Österreichische Statistik jede mehr als 10 000 Mitglieder zählende Gruppe — haben, wenn man der letzten Volkse Zählung glauben soll (und das kann man, wie schon erwähnt* nur in geringem Maße) im letzten Jahrzehnt die folgenden ab« genommen: Deutschsprechende in Galizien und Krain Tschechischsprechende in Niederösterreich Polnischsprechende in Böhmen Slowenischsprechende in Kärnten Die Abnahme der Deutschsprechenden in Galizien erklärt sich, wie die amtliche Statistik selbst sagt, damit, daß eine größere Anzahl Juden statt Deutsch Polnisch als Muttersprache angaben. Die Polen in Böhmen vermehrten sich, wie an der Heimatszuständigkeit der Landesfremden in Böhmen zu erkennen ist, und die Angabe der Statistik über die Abnahme der Polnischsprechenden in Böhmen entspricht nicht der Wirklichkeit. Dasselbe gilt von den Tschechischsprechenden in Niederösterreich. Richtig ist möglicherweise nur die Angabe von der Abnahme der Deutschsprechenden in Krain und Slowenischsprechenden in Kärnten. Zugleich damit aber verweist auch die Statistik auf die (durch Zuwanderung erfolgte) Verstärkung folgender sieben Sprachminoritäten: Deutschsprechende in Triest und Istrien Tschechischsprechende in Schlesien Polnischsprechende in der Bukowina Slowenischsprechende in Triest und Istrien Italienischsprechende in Dalmatien Es zeigt sich, daß die Sprachverschiebungen im letzten Jahrzehnt sehr stark waren, daß es trotz dem größten Terror gegen die Minoritäten und trotz den berühmten österreichischen Zählungskunststücken den herrschenden Nationen nicht gelang, diese Erscheinung ganz zu verbergen.