Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Schule in Amerika
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 668 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 667 Besonders interessant im Hinblick auf die radikale Gesinnung der Gründer, ist hier die Betonung des traditionellen Elements. Sie ist ja beim Streben nach wahrer Volkstümlichkeit auch naturnotwendig. Zur Beurteilung, wie weit sich die Gründer der jüdischen Volkstümlichkeit genähert und worin nicht, seien hier ihre Prinzipien, nach der Formulierung Herrn JojelEntins, des Leiters der Schule, zitiert: ,Die Erziehung des modernen Juden soll nicht auf Glaube und Furcht, sondern auf Liebe und Schönheit gegründet sein. Nicht auf Religion, sondern auf der jüdischen Kultur in umfassendem Sinn. — 2. Das jüdische Kind soll seine jüdische Muttersprache, die lebendige Sprache des lebendigen jüdischen Volkes, der jüdischen Volksmassen und der blühenden jüdischen Literatur gut kennen. — 3. Das jüdische Kind soll gründlich und liberal in der jüdischen Geschichte unterrichtet werden, um die jüdischen Traditionen und Ideale gut kennen zu lernen, sie lieb zu gewinnen und erfüllt zu werden von dem heißen Streben, sie weiter in die Zukunft zu tragen, — 4. Das jüdische Kind soll gründlich im Hebräischen als der Sprache der Bibel und großer jüdischer Denker und Dichter aller Zeiten unterrichtet werden. Nur durch Hebräisch kann sich das jüdische Kind mit den Juden der Vergangenheit und denen der Gegenwart, die kein Jüdisch sprechen, im Geiste vereinigen. — 5. Das jüdische Kind sollinder jiddischen und hebräischen Literatur unterrichtet werden. — 6. Das jüdische Kind soll die Bibel studieren und mit der Geschichte der jüdischen Religion, sowie mit dem Talmud vertraut sein. Der nichtreligiöse Jude muß in die Welt seines religiösen Bruders eindringen können. — 7. Das jüdische Kind soll der Kanal sein, durch den der Strom der Folklore in Volksliedern, Legenden, Volkserzählungen, Volksspäßen weiterfließen soll. — 8. Die jüdische Religion soll, insoweit sie poetischschön, nationalistisch und moralisch erhaben ist, gepflegt werden. — 9. Die nationalen und poetischen jüdischen Festtage mit ihren schönen Symbolen sollen in der modernen jüdischen Schule eingehalten werden/ Es gibt in Amerika noch mehrere solcher Schulen. Die im 2. Jahresbericht der nationalradikalen Schule Torontos — sie umfaßte am 31. August 1913 in 11 Klassen auf 5 Stufen 305 Schüler und Schülerinnen, von denen übrigen» ungefähr ein Drittel schon in Amerika und England geboren ist — enthaltenen Grundsätze des Leiters J, Matenko* decken sich im allgemeinen mit den oben angeführten. Von den kleineren und größeren Unterschieden seien hier einige erwähnt: „Der Zweck der Torontoer nationalradikalen Schule ist es, den jüdischen Kindern eine wahre jüdische und radikale Erziehung zu geben. Sie pflanzt in die Kinder eine tiefe Liebe zum jüdischen Volk, seinen Idealen und Hoffnungen, Liebe und Achtung für die ganze Menschheit und für die Ideale des Friedens und der Freiheit, der Völkereinigkeit und Brüderlichkeit — Für die nationalradikale Schule gibt es kein Sprachenproblem. Die einzige Sprache, die sie anerkennt, ist die jüdische Sprache, die Sprache der jüdischen Volksmassen. Hebräisch kann im elementaren Bildungskurs durchaus keine Aufnahme finden. — Die Gegenstände sollen in jüdischradikalem Geiste unterrichtet werden, unter Ausschluß aller konservativ-religiösen Anschauungen." Ganz anderer Art als diese beiden Schulen ist die .Jeshiwes Rabejne Jänkew Josef "(Jeschiwe unseres Lehrers Jakob Josef) in New-York, die im November nach vieljährigem Bestände die feierliche Einweihung eines neuen großen Hauses beging. Diese Anstalt hat einen viel leichteren Kampf mit der public school, da ihre Zöglinge diese gar nicht besuchen. Bis vier Uhr nachmittags werden nur jüdische Gegenstände unterrichtet, von den Elementen bis zum Talmud. Jiddisch selbst ist wie in allen traditionellen Schulen kein Lehrgegenstand — was allerdings sehr zu wünsehen wäre — wohl aber die Unterrichtssprache und bildet so den Hauptfaktor zur Schaffung des jüdischen Milieus. Um vier Uhr kommen dann die englischen