Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Ökonomische Übersicht
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 659 (sequence 4)
- Language
- German
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658 Ben Mordechai, Die jüdischen Dörfer in Rußland den Familien, die sie nicht an Ort und Stelle antrafen, den Boden weg. Im Mohilewer Gouvernement aber versetzte die Tätigkeit der Lustrationskommission den jüdischen Dörfern den Todesstoß: Mit einigen Ausnahmen wurde ihnen ihr ganzer Landbesitz weggenommen, so daß die jüdische landwirtschaftliche Siedlung vollständig vernichtet war. Nicht besser gingen die Kommissionen im Südwesten (Kiew, Wolhynien, Podolien, Tschernigow, Poltawa) vor. Unbarmherzig wurde das Ergebnis so vieler Mühen und Opfer zerstört. Um die Strenge der Kommissionen in den Südwestgebieten zu verstehen, muß man wissen, daß der größte Teil des eingezogenen Bodens in den Händen ihrer Mitglieder verblieb. Den endgültigen Todesstoß erhielt die jüdische Landwirtschaft in Rußland von den provisorischen Verordnungen — nebenbei: diese „provisorischen" Verordnungen gelten bis heute — des Jahres 1882, welche den Juden den Kauf und die Pacht von Boden außerhalb der Städte und Städtchen zum Zwecke eigener Bearbeitung vollständig verboten. Noch mehr, Juden durften sich nicht einmal außerhalb der Städte und Städtchen niederlassen. Man muß bedenken, daß die jüdischen Familien in Dörfern des Ansiedlungsrayons (außerhalb Neurußland), die auf Regierungsboden angesiedelt worden waren, kleine Anteile bekommen hatten. Auch der Besitz der selbstständigen Kolonisten war nicht groß. Schon im zweiten Geschlecht mußte der Bodenhunger einsetzen, der infolge der erwähnten Verordnungen weder durch Kauf noch durch Pacht gestillt werden konnte. So mußte schon in diesem zweiten Geschlecht die Auswanderung aus dem jüdischen Dorfe beginnen. Noch viel schlechter stand es um die von vornherein auf gepachtetem Boden gegründeten Kolonien. Nach 1882 konnten sie ihre Kontrakte nicht mehr erneuern, so daß nach Ausgehen des Pachttermins alle diese Dörfer von ihren Bewohnern verlassen werden mußten. Auf diese Weise vernichtete die russische Regierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts planmäßig das, was sie in seiner ersten Hälfte mit Mühe geschaffen hatte. Das ist in kurzem die traurige Geschichte der jüdischen Landwirtschaft in Rußland. (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt.)