Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina III
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 638 (sequence 1)
- Language
- German
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I, Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina III 637 Die jüdische Kolonisation in Palästina III*) Von I. Lew in Es ist in den letzten Jahren zu einer grundsätzlichen Wandlung in der Beurteilung und Einschätzung der ostjüdischen Diaspora gekommen. Die Verelendungstheorien sind in allen Punkten, in ihren Feststellungen und Prognosen wie in ihren Folgerungen für die jüdische Praxis als grenzenlos oberflächliche Vergewaltigungen der Tatsachen des jüdischen Lebens erkannt worden. Von ihnen blieb nichts als eine Binsenwahrheit: Die Feststellung durchaus relativer Elende, d. Fl von Zuständen, deren Betrachtung niemals den bisherigen bequemen Gegenwartsfatalismus rechtfertigt, sondern zu einer ganz entgegengesetzten Schlußforderung gewaltig zwingt: zur Tat, zum Ueberwinden dieser Zustände durch unablässiges Bauen an den Positionen der Diaspora. In den Mittelpunkt aller wissenschaftlichen, auf parteimäßiges Ausbeuten verzichtenden Behandlung der jüdischen Probleme rückt endlich das greifbare lebendige Volk und verdrängt sein Zerrbild — jenes abstrakte, blutleere Ding, das für allerlei nationalistische und Renaissance imitierende Anwandlungen die Folie abgab. Auf unzählige Einzeltatsachen gestützt, erhebt sich siegreich als neues nationales Postulat: daß alle Kräfte, über die wir verfügen, auf den Aufbau und die Verstärkungen der gewaltigen Positionen des Golus zu konzentrieren sind. War beim Zionismus die Partei da vor ihrer Ideologie, und schuf sie sich diese dann nachträglich, v/unschhaft und unter Zurechtbeugung aller Tatsachen, die dem Parteiwillen Unrecht gaben, so tritt die alljüdische Bewegung auf den Plan, nachdem längst und in den mannigfachsten Formen eine Ideologie der Golusbejahung vorliegt, die auf dem Wege wissenschaftlich einwandfreier,, durch keine fremden Motive gestörter Forschung gewonnen worden ist. Es war also nicht so, daß das Fiasko aller willkürlichen mechanistischen Volks Verpflanzungsversuche nach Angola, Palästina, und Gott weiß wo sonsthin, keine andere Wahl ließ, daP? also die Bejahung des Golus etwa aus tiefpessimistischer seelischer Stimmung erfolgte. Es ist etwas ganz anderes, von viel wesentlicherer Bedeutung vor sich gegangen: Plötzlich fanden sich unter der bis dahin so volksblinden jüdischen Intelligenz Menschen, die die Kraft hatten, sich die bequemen *) Siehe Augustheft 1913, Januarheft 1914.