Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 622 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus 621 es in den Ländern des Nationalitätenkampfes sehr empfindlich, um wieviel schärfer gegen ihn als gegen seinen christlichen Konkurrenten das nichtjüdische Proletariat den Klassenkampf führt, wie der hier durch die nationale, antisemitische Note wesentlich verschärft wird. Ihm kann es also nur willkommen sein, einen wachsenden, ja den Hauptteil des Mehrwertes durch jüdische Arbeit zu erhalten. Natürlich ist die hier angedeutete Berufsumschichtung längst nicht zum Abschluß gelangt und daher weder in ihrer Tiefe noch in ihrer Breite zu überschauen. Ihr Charakter aber ist unzweideutig ein stark expansiver, und wird es noch mehr werden, je besser die jüdische Intelligenz und die Wohlfahrtsinstitutionen ihre Aufgaben erkennen und es ermöglichen, daß jüdisches Proletariat und Handwerk zur Qualitätsarbeit übergehen. Bis in welche Gebiete diese Expansion eingedrungen ist, das illustrieren unsere noch immer spärlichen Kenntnisse von der jüdischen Landwirtschaft. Heute liegt der gesamte Tabakanbau in Bessarabien, liegen weite Strecken südrussischer Obstkulturen in den Händen jüdischer Bauern. Man schätzt deren Seelenzahl allein für Rußland auf 200 000 Menschen, In Nordamerika hat vor noch nicht acht Jahren unter den ostjüdischen Massen eine Farmerbewegung eingesetzt, die mehr als 25 000 Proletarier und Kleinhandelexistenzen aus eigener Kraft, ohne nennenswerte Hilfe von philanthropischen Organisationen zu Bauern werden ließ. Wie mag erst das Bild der vollzogenen jüdischen Berufsumschichtung nach 50 Jahren aussehen? * Das nun, was sich ökonomisch als eine ungeheure Umschichtung der jüdischen Berufe darstellte, das kann man national-geographisch als steigende Konzentration der jüdischen Siedlung bezeichnen. War in der vorkapitalistischen Epoche die Selbstzerstreuung das erhaltende Prinzip und die Tendenz des jüdischen Nationallebens, so ist unter den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen der Umschlag eingetreten: das jüdische Nationalleben der kommenden Zeiten wie der heutigen hat zur Voraussetzung und als Tendenz zunehmende, allmählich bewußt zu regulierende Konzentration. Diese wirkt sich heute in zwei Richtungen aus: einmal als Binnenwanderung und außerdem als Emigration. Der stark expansive Charakter dieser Verschiebungen ist unbegreiflicherweise von den zionistischen Theoretikern überhaupt nicht wahrgenommen worden. Ruppin z. B. fertigt die Konzentration in den Großstädten, die sicher einen zentralen Punkt des ostjüdischen Problems darstellt, als simplen Assimilationsfaktor ab.1) Von der!) Ruppin, ,Die Juden der Gegenwart*, IL Aufl. S. 97—103.